Universität Heidelberg | Theologische Fakultät Trier
Ortsangaben der Bibel (odb)
Start orte Ortsnamen Literatur Karte    

zurück zur Übersicht

 

Rogel-Quelle

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Quelle Rogel, En-Rogel

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

עין־רגל  ʿên-rogel. ἡ πηγή Ρωγηλ „Quelle des Tretenden“
 

Belege AT

Jos 15,7; Jos 18,16; 2Sam 17,17; 1Kön 1,9
 

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Ἐρωγή ? (Josephus, antiquitates 9,225)
Ῥωγηλ (Eusebius, Onomastikon 144,13: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, , 136, Nr. 773; Timm, Stefan 2017a, 188, Nr. 776)
ʿjn rwgl („judäo-arabisch“: Fragment aus der Kairoer Geniza, Zl. 45: Alobaidi, Saleh-Joseph u.a. 1987a, 44.72)
 

Beschreibung

Die Quelle wird in den Beschreibungen der Nordgrenze Judas (Jos 15,7) und der Südgrenze Benjamins (Jos 18,16) genannt. In beiden Fällen ist vorausgesetzt, dass sich die Wasserstelle östlich des Hinnomtals und des Bergrückens der Jebusiter (Bergrücken der Jebusiter) befindet. Jos 18,17 sagt darüber hinaus, dass sich die Grenze nach der Rogel-Quelle nach Norden wendet, bevor mit En-Schemesch und Gelilot die nächsten Markierungspunkte in Richtung Osten erreicht werden. Jos 15 gibt die Relation so an, dass die Grenze in Richtung Westen von En-Schemesch zur Rogel-Quelle „hinausgeht“ (Jos 15,7) und anschließend in Richtung Hinnomtal „hinaufgeht“ (Jos 15,8). Diese Angaben weisen darauf hin, dass die Quelle am südlichsten und tiefgelegensten Punkt des Grenzverlaufs im Osten Jerusalems vorzustellen ist. Die Rogel-Quelle spielt in zwei Erzählungen zur frühen Königszeit eine Rolle. Als David während des Aufstands Absaloms ins Ostjordanland flieht, bleiben zwei seiner Gefolgsleute, Jonatan und Ahimaaz, in bzw. bei Jerusalem und verstecken sich an der Rogel-Quelle (2Sam 17,17). Die Szene setzt voraus, dass die Rogel-Quelle außerhalb der befestigten Stadt Jerusalem lag. Die Quelle ist darüber hinaus der Schauplatz einer von Adonija inszenierten „Verschwörung“ gegen David. Adonija lädt die Söhne Davids zu einer Opfermahlzeit ein, um von ihnen zum Nachfolger Davids proklamiert zu werden (1Kön 1,9). David lässt daraufhin Salomo am Gihon zum König salben (1Kön 1,28-40). Der weitere Verlauf der Erzählung setzt voraus, dass die Rogel-Quelle nicht allzu weit von der Gihon-Quelle entfernt war, die im Kidrontal am Fuß der alten Davidstadt lag (Gihon, Quelle). Daher sollte auch die Rogel-Quelle in diesem Tal gesucht werden. Adonija schlachtet die für die Mahlzeit vorgesehenen Tiere am Stein Sohelet (ʾæbæn hazzoḥælæt). Wörtlich meint dies einen „gleitenden Stein“. Da das Verb zḥl auch in Verbindung mit Schlangen und anderen Kriechtieren belegt ist (Dtn 32,24; Mi 7,17), wird in der älteren Literatur über einen nichtjahwistischen Kult am „Schlangenstein“ bei der Rogel-Quelle spekuliert. Diese These ist jedoch kaum haltbar (Küchler, Max 2007a, 750). Auch die LXX gibt keinen Hinweis auf kultische Aktivitäten, da sie den Namen des Steins transkribierend als λίθος τοῦ ζωελεθ wiedergibt. In 2Sam 17,17 und 1Kön 1,9 schreiben Targum und Peschitta für rogel eine Form des aramäischen Worts qṣrʾ, das Peschitta auch für das Wort kôbes „Walker“ in 2Kön 18,17, Jes 36,2 und Jes 7,3 verwendet. Daher wird der hebräische Terminus ʿên-rogel gelegentlich mit „Walker-Quelle“ übersetzt (Noth, Martin 1968b, 1.6; Würthwein, Ernst 1985a, 3; Knauf, Ernst Axel 2016a, 107). Diese Deutung ist allerdings umstritten. Die in Targum und Peschitta überlieferte Variante könnte darauf zurückzuführen sein, dass in der Antike bei der Quelle Stoffe gewalkt, d.h. aufgeweicht wurden, was in vorindustriellen Zeiten teilweise mit den Füßen bewerkstelligt wurde (vgl. hebräisch rgl „gehen, laufen" bzw. rægæl „Fuß“). Eine Verbindung mit der Walkerfeldstraße ist dagegen wenig wahrscheinlich. Diese wird zwar auch zusammen mit einer Wasserversorgungseinrichtung, der „Wasserleitung des oberen Teichs“, genannt (2Kön 18,17; Jes 7,3; Jes 36,2), Walkerfeldstraße und Oberer Teich werden jedoch zumeist nördlich des alttestamentlichen Jerusalem gesucht. Josephus nennt weder bei der Nacherzählung des Absalom-Aufstands (antiquitates 7,222‒227) noch bei der Schilderung der Aktion des Adonija die Rogel-Quelle namentlich. Stattdessen verlegt er die Opfermahlzeit des Adonija an eine namenlose Quelle im Königsgarten (ἡ πηγή ἐν τῷ βασιλικῷ παραδείσῳ; antiquitates 7, 347), also in die Region südöstlich der Davidstadt, wo auch die Rogel-Quelle liegen soll. Dagegen erwähnt Josephus im Zusammenhang des Am 1,1 und Sach 14,5 erwähnten Erdbebens eine Ἐρωγή genannte Stelle, die auf dem Westhügel Jerusalems aufgebrochen, vier Stadien weit gerollt und am Osthügel zum Liegen gekommen sein soll (antiquitates 9,225). Sollte er damit auf die alttestamentliche Rogel-Quelle anspielen, wäre dies so zu verstehen, dass er den Namen nicht wie im Hebräischen von rgl „gehen, laufen“, sondern von ῥήγνυμι „aufbrechen“ ableiten will. Das Nehemiabuch kennt eine Drachenquelle (ʿên hattannîn), an der Nehemia auf seinem nächtlichen Ritt um die Stadt vorbeikommt (Neh 2,13). Mitunter wird diese Drachenquelle mit der Rogel-Quelle in Verbindung gebracht, , da tannîn sowohl Meeresungeheuer als auch Schlangen bezeichnen kann (Ex 7,10; Ex 7,12) und bei der Rogel-Quelle ein „Schlangenstein“ liegen soll. Nehemia kommt vom Taltor und ist zum Misttor unterwegs. Letzteres dürfte im Süden der Stadt beim Zusammenfluss von Hinnom- und Kidrontal zu suchen sein, wo auch die Rogel-Quelle vorzustellen ist. Die genaue Lage des Taltors ist allerdings umstritten. Es könnte entweder zum Stadttal, also nach Westen, oder zum Hinnomtal nach Süden geführt haben. Lediglich im letztgenannten Fall wäre überhaupt eine Verbindung der Drachenquelle zur Rogel-Quelle denkbar. Möglich ist dagegen, dass das ebenfalls im Nehemiabuch erwähnte Quelltor (šaʿar hāʿajin; Neh 2,14; Neh 3,15; Neh 12,37) seinen Namen der Nähe zur Rogel-Quelle verdankt, zumal in demselben Zusammenhang der Königsgarten genannt ist (Neh 3,15), der ebenso wie die Rogel-Quelle südöstlich der befestigten Stadt Jerusalem gesucht wird.
Die Hinweise in den literarischen Dokumenten führen in den Bereich, der unmittelbar außerhalb der Befestigungen des antiken Jerusalem im äußersten Südosten des zur Stadt gerechneten Geländes lag. Daher wird die Gleichsetzung mit dem Grundwasserbrunnen Bīr Ayyūb („Hiobsbrunnen“) im unteren Kidrontal kaum ernsthaft bezweifelt (Gibson, Shimon 2014a). Er liegt etwa 200 m südlich des Zusammenflusses von Hinnom- und Kidrontal und ca. 500 m südlich der Davidstadt. Dass Bīr Ayyūb ein Grundwasserbrunnen und keine natürliche Quelle ist, scheint gegen eine Gleichsetzung mit der Rogel-Quelle zu sprechen. Allerdings vermittelt der Brunnen bei starkem Regen den Eindruck einer intermettierenden Quelle, ähnlich wie die weiter nördlich im Kidrontal gelegene Gihonquelle (Gihon, Quelle). Die Behauptung, dass die Bezeichnung eines Grundwasserbrunnens durch das Wort ʿên im Alten Testament nicht ohne Parallelen ist, stützt sich auf wenige erzählende Zusammenhänge wie Gen 24 (vgl. Gen 24,11 und Gen 24,13). Bīr Ayyūb ist Teil eines umfangreichen, künstlich angelegten Systems zur Wassernutzung südlich der Davidstadt. Dazu gehören neben dem Grundwasserbrunnen mindestens zwei unterirdische Kanäle, die bei der ca. 500 m südlich von Bīr Ayyūb gelegenen Quelle ʿAin el-Lōz zusammentreffen (Gibson, Shimon 2014a). Die lokale Nachbarschaft und der funktionale Zusammenhang von Brunnen und Quelle könnten zu der alttestamentlichen Bezeichnung Rogel-Quelle geführt haben. Nach Untersuchungen im 19. Jahrhundert ist der quadratische Brunnenschacht von Bīr Ayyūb ca. 40 m tief. Heute ist der Brunnen umgeben von Becken, Resten von Kanälen und Gebäuden sowie von einer kleinen Moschee. Archäologisch zuverlässig datierbare Reste sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht vorhanden. Gibson datiert die mit der Quelle verbundenen Kanäle in die hellenistische bzw. römische Zeit und hält die Anlage des Brunnens bereits in der Eisenzeit für möglich (Gibson, Shimon 2014a, 382f.), kann jedoch keine belastbaren Artefakte vorlegen, abgesehen von einigen Lampen aus byzantinischer Zeit in einem der Kanäle, die das Ende der Nutzung markieren könnten (Gibson, Shimon 2014a, 362).
 

 

Autor: Detlef Jericke, 2019; letzte Änderung: 2019-10-22 17:08:47

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 3 (1966), 1606 (Stoebe, Hans Joachim, Art. Rogel)
  • NBL 3 (2001), 376 (Bieberstein, Klaus, Art. Rogel-Quelle)
  • ABD 2 (1992), 503f (Mare, W. Harold, Art. En-Rogel)
  • WiBiLex 2016 (Bieberstein, Klaus, Art. Jerusalem), 1.2.
  • EBR 7 (2013), 886 (Knauf, Ernst Axel, Art. En-Rogel)

 

Literatur

Paton, Lewis Bayles 1908a 174–177 ;  Dalton, G. 1923aDalman, Gustaf 1930a , 163‒167 ;  Abel, Félix-Marie 1933a , 148 ;  Abel, Félix-Marie 1938a , 49 ;  Simons, Jan 1952a , 47f.157‒163 ;  Noth, Martin 1953a , 88 ;  Vincent, Louis-Hugues 1954a , 284–288 ;  Simons, Jan 1959a , 140.173 §§ 314.326 ;  Noth, Martin 1968b , 6.18 ;  Miller, James Maxwell 1974a , 118–120 ;  Priebatsch, Hans Yohanan 1975a , 26 ;  McCarter, P. Kyle Jr. 1984a , 388 ;  Kellermann, Mechthild u.a. 1985aWürthwein, Ernst 1985a , 12 ;  Kellermann, Diether u.a. 1992aFritz, Volkmar 1994a , 159 ;  Bieberstein, Klaus / Bloedhorn, Hanswulf 1994a , Band 3, 110–112 ;  Stoebe, Hans Joachim 1994a , 391 ;  Mazar, Amihai 2000a , 198f ;  Vos, Jacobus Cornelis de 2003a , 319f.325 ;  Reich, Ronny 2004a , 228-232 ;  Küchler, Max 2007a , 746–752 ;  Rösel, Hartmut N. 2011a , 239 ;  Gibson, Shimon 2014aMcKinny, Charles Christopher 2016a , 62 ;  Knauf, Ernst Axel 2016a , 130f ;  Bieberstein, Klaus 2017a , 3 ;