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Orakeleiche

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

More; Moreh

Lokalisierungsvorschläge

  • kein Lokalisierungsvorschlag (odb)   

Namensformen AT

אלון מורה’ elôn môræh. ‘η δρῦς ‘η ‘υφηλή

Belege AT

Gen 12,6; Dtn 11,30

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

lwn mwrh (rabbinisch: Reeg, Gottfried 1989a, 43)

Beschreibung

Gen 12,6-7 erzählen, dass Abraham bis zu einem „Platz“ (māqôm) bei Sichem kommt, der „Orakeleiche“ (Einheitsübersetzung), genauer „großer Baum More“ (’elôn môræh) heißt. Dort erscheint ihm Jhwh und gibt ihm eine Landzusage, woraufhin Abraham einen Altar baut. Die kurzen Notizen führten zu der Annahme, dass in alttestamentlicher Zeit außerhalb der Stadt Sichem (Tell Balaṭā 1769.1798) ein offener Kultplatz lag. Aufgrund der knappen Angaben von Gen 12,6 und der Schwierigkeit, offene Heiligtümer archäologisch nachzuweisen, sei eine Lokalisierung nicht möglich (Wächter, Ludwig 1987a). Die Frage der Lagebestimmung wird noch dadurch verunklart, dass der masoretische Text (MT) von Dtn 11,30 bei der Beschreibung der Lage der Berge Garizim und Ebal die „großen Bäume More“ (’elônê môræh) „gegenüber Gilgal“, also im Jordantal ca. 40 km südöstlich von Sichem, lokalisiert. Der samaritanische Pentateuch (Sam) hat an dieser Stelle wie in Gen 12,6 den Singular „großer Baum More“ (so auch LXX) und fügt die Erklärung an, dieser liege „gegenüber Sichem“. Die textkritischen Varianten zur Lagebestimmung des „großen Baumes More“ sind Ausdruck der produktiven Auseinandersetzung zwischen der Jerusalemer Kultgemeinde und der samaritanischen Gemeinde auf dem Garizim in spätpersischer und hellenistischer Zeit (4.−2. Jh. v.Chr.). Sie sind daher historisch-topographisch nicht auszuwerten (Jericke, Detlef 2012a; Otto, Eckart 2012a, 1017f). Das Alte Testament nennt noch weitere Bäume bei Sichem, die nach dem Erzählzusammenhang eine sakrale Funktion haben. Jakob vergräbt Götterfiguren unter dem großen Baum (ha’elāh, LXX τερεμινθος/τερεβινθος „Terebinthe“) bei Sichem (Gen 35,4). Josua stellt dort einen großen Stein auf (Jos 24,26). Abimelech wird am „großen Baum Mussab“ (’elôn muṣṣāb) bei Sichem zum König gekrönt (Ri 9,6) und vor dem entscheidenden Kampf um die Herrschaft in Sichem sehen Gaal und Sebul einen Teil von Abimelechs Kämpfern aus der Richtung des „großen Wahrsagerbaumes“ (’elôn me’ônenîm) auf die Stadt zukommen (Ri 9,37). Viele Auslegende erkennen in allen genannten Bäumen bzw. Baumheiligtümern denselben Platz. Allerdings weicht der Wortgebrauch für den „großen Baum“ in Gen 35,4 und Jos 24,26 sowohl im MT (ha’elāh bzw. ha’allāh) als auch in der LXX (τερεμινθος/τερεβινθος) erkennbar von Gen 12,6 ab. Zumindest in alttestamentlicher Zeit scheint man daher nicht zwangsläufig von der Identität der Bäume ausgegangen zu sein. Am ehesten könnte noch eine Übereinstimmung zwischen dem „großen Baum More“ von Gen 12,6 und dem „großen Wahrsagerbaum“ von Ri 9,37 erschlossen werden, da an beiden Stellen derselbe Ausdruck für den Baum vorliegt (’elôn ) und die Wendung môræh auch als Partizip von jrh „werfen“ (qal=G-Stamm) bzw. „lehren“ (hif‘îl=K-Stamm) verwendet ist (2Kön 17,28; Jes 9,14; Hi 36,22; 2Chr 15,3). „More“ könnte daher ursprünglich so etwas wie „Wahrsager“ bedeutet haben (Westermann, Claus 1981a, 178f) und somit zumindest inhaltlich mit den „Wahrsagern“ (me’ônenîm) von Ri 9,37 verwandt sein. Umstritten ist auch die Verhältnisbestimmung der beiden Ri 9 genannten Bäume. Wächter und Gaß wollen den Ri 9,6 genannten Platz der Königsproklamation Abimelechs ‒ analog zur Salbung Salomos in Gihon bei Jerusalem (1Kön 1,33; 1Kön 1,38; 1 Kön 1,45) ‒ an einem „Quellheiligtum“ nahe bei der Stadt Sichem lokalisieren und denken deshalb an die Quellen beim Ort ‘Askar (1775.1804), dem neutestamentlichen Sychar (Joh 4,5) (Wächter, Ludwig 1987a; Tsafrir, Yoram u.a. 1994a, 238; Gaß, Erasmus 2005a, 314−316.326−330). Das Baumheiligtum von Ri 9,37 dagegen soll weiter östlich von Sichem bei Sālim (1814.1795) liegen, dem Salem der hellenistischen Zeit (Jub 30,1). Diese Lagebestimmung erschließen sie aus den Versen Ri 9,33-37, wo davon die Rede ist, dass am frühen Morgen die von den Bergen herabsteigenden Kämpfer Abimelechs vom Stadttor Sichems aus nur als Schatten zu erkennen sind. Das weise auf einen Standpunkt im Osttor der Stadt, folglich müsse auch der „große Wahrsagerbaum“ östlich der Stadt gesucht werden. Ob der Gen 12,6 genannte Baum mit demjenigen von Ri 9,6 oder dem von Ri 9,37 gleichzusetzen ist, lassen Wächter und Gaß offen. Die Komplexität der Überlieferung lässt demnach keine Aussage darüber zu, wo der „große Baum More“ von Gen 12,6 und verwandten Textzeugnissen gedacht ist. Auf literarischer Ebene lässt sich feststellen, dass die Formulierungen von Gen 12,6 Abraham zumindest einmal an den Platz bringen, der in der Jakobgeschichte einen prominente und gleichzeitig ambivalente Rolle spielt. Zudem werden Sichem und sein Gelände in Parallelität zur judäischen Landstadt Hebron gezeichnet, in deren Umgebung Abraham ebenfalls nach einer Jhwh-Rede mit Land- und Nachkommenszusagen einen Altar bei dem durch Bäumen markierten Platz Mamre baut (Gen 13,14-18). Solche literarischen Übereinstimmungen in der Beschreibung von Sichem und Hebron schlagen sich schon in der frühen Rezeption des alttestamentlichen Texts nieder, wenn etwa die Peschitta und das Targum Pseudo-Jonatan in Dtn 11,30 „Mamre“ statt „More“ schreiben (vgl. Apparat BHQ).
[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:00:09

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 2 (1964), 1238 (Wallis, Gerhard, Art. More)
  • ABD 4 (1992), 904 (Hunt, Melvin, Art. Moreh)

 

Literatur

Gunkel, Hermann 1910a , 166f.380f ;  Simons, Jan 1959a , 212 § 340−341 ;  Nielsen, Eduard 1959a , 216−259 ;  Soggin, Jan Alberto 1967aWestermann, Claus 1981a , 178f ;  Wächter, Ludwig 1987a , 314−316.326−330 ;  Gaß, Erasmus 2005a , 314−316.326−330 ;  Otto, Eckart 2012b , 1017f ;  Jericke, Detlef 2012a , 214−219 ;  Jericke, Detlef 2013a , 92–94 ;