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Garizim

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Gerizim

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

הר־גרזים har-gerizîm. ὄρος Γαριζιν

Belege AT

Dtn 11,29; Dtn 27,4 (?); Dtn 27,12; Jos 8,33; Ri 9,7

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

hr grjzjn (3Q15 [„Kupferrolle”], col. 12,4: Milik, Joseph T. 1962a, 298f; Lefkovits, Judah K. 2000a, 409-412; Brizemeure, Daniel u.a. 2006a, 204f; Puech, Émile 2015a, 106)
Γαριζιν (2Makk 5,23; 2Makk 6,2)
Αργαριζειν (Inschriften aus Delos 3.‒1. Jh. v.Chr.: Bruneau, Philippe 1982a, 468‒474; Hensel, Benedikt 2016a, 78f)
Γαριζειν, Αργαριζειν (Josephus: Möller, Christa / Schmitt, Götz 1976a, 66f)
mons Argaris (Plinius, naturalis historia 5,14,68)
Γαριζειν (Eusebius, Onomastikon 64,12.16: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 63f, Nr. 307f; Timm, Stefan 2017a, 77f Nr. 307f; Prokopios von Gaza, In Deuteronomium XI: MignePG 87, 905-908)
Τουρ Γαριζιν, Γαριζειν (Mosaikkarte von Mādebā: Donner, Herbert 1992a, 48)
mons Agazaren (Itinerarum Burdigalense § 13: Donner, Herbert 2002a, 51; Geyer, Paulus 1898a, 20)
hr grjzjn (rabbinisch: Reeg, Gottfried 1989a, 222f)

Beschreibung

Auf dem Berg Garizim versammeln sich sechs Stämme Israels nach der Landnahme, um Segen zu empfangen (Dtn 11,29; Dtn 27,12; Jos 8,33). Die anderen sechs Stämme stehen auf dem Berg Ebal. Weiterhin wird der Garizim noch als der Platz genannt, an dem Jotam seine Pflanzenallegorie erzählt, die sogenannte Jotamfabel (Ri 9,7). In Dtn 27,4 nennt der masoretische Text den „Berg Ebal“ als den Ort, an dem nach der Landnahme Gedenksteine errichtet werden sollen. Jos 8,30 erzählt die Ausführung des Befehls und hat ebenfalls die Ortsangabe „Berg Ebal“. Samaritanus und Vetus Latina lesen dagegen in Dtn 27,4 „Berg Garizim“. Die Variante „Berg Ebal“ könnte demnach eine antisamaritanische Lesart aus judäischer Perspektive sein. Lediglich Ri 9,7 kennt die Lage des Garizim bei Sichem. Die übrigen alttestamentlichen Texte lassen die Lokalisierung offen oder verlegen den Garizim an die nördliche Grenze Judas nach Gilgal (Dtn 11,30) bzw. in die Gegend von Ai (Jos 8). Vermutlich handelt es sich auch in diesen Fällen um antisamaritanische Korrekturen. Allerdings hat sich diese Tradition lange gehalten. Noch Eusebius lokalisiert den Garizim bei Jericho, also in der Nähe von Gilgal. Er fügt hinzu, dass die samaritanische Auffassung, der Berg liege bei Sichem, ein Irrtum ist. Der Interpretation des Eusebius entspricht die Madebakarte insofern teilweise, als der Garizim einmal bei Jericho, ein zweites Mal jedoch auch bei Neapolis/Sichem (Nāblus) eingetragen ist. Der Garizim wurde nach 587 v.Chr. der heilige Berg der bei Sichem ansässigen Gemeinde, die nach rabbinischer Lesart „Kutäer“ – abgeleitet vom Ortsnamen Kuta (2Kön 17,24; 2Kön 17,30) – in der griechischen Tradition „Samaritaner“ genannt wurde (Josephus, antiquitates 9,290). Auch die Samaritaner verlegten ihrerseits Ortstraditionen an den Garizim, vor allem die Bet-El/Lus-Traditionen. Möglicherweise benannten sie sogar eine Siedlung auf dem Garizim mit dem Namen Lus (vgl. Ri 1,26). Zumindest waren die Ruinen der ausgedehnten Siedlung auf Gipfelplateau des Berges bis in das 20. Jahrhundert n.Chr. hinein unter dem Namen Ḫirbet Lōze (1758.1785) bekannt. Die ca. 40 ha große Siedlung wurde zwischen 1985 und 1991 ergraben. Sie stammt aus hellenistischer Zeit. Aus Münzfunden ist zu erschließen, dass sie zu Beginn des 2. Jhs. v.Chr. erbaut und wahrscheinlich um 112/111 v.Chr. durch die Truppen Johannes Hyrkans zerstört wurde. Im Zentrum befand sich ein ca. 150 x 100 m großer ummauerter Bezirk, der über breite Treppen und Vierkammertore zugänglich war. Vermutlich handelt es sich um den Kultbezirk, der nach dem Vorbild des Jerusalemer Tempels angelegt wurde. Das Heiligtum selbst wurde bislang nicht gefunden. Es stand wahrscheinlich an der Stelle, an der im späten 5. Jh. n.Chr. die oktogonale Theotokos-Kirche gebaut wurde. Ein Sechsammertor unter dem Vierkammertor im Norden des hellenistischen Kultbezirks und ältere Mauerzüge, die unter den Umfassungsmauern der hellenistsichen Zeit im Westen freigelegt wurden, werden von den Ausgräbern in persische Zeit datiert. Dieser Befund könnte so gedeutet werden, dass das erste Heiligtum der Gemeinde auf dem Garizim bereits in persischer Zeit als Gegenstück zum Jerusalemer Tempel errichtet wurde. Auf dem Tell er-Rās (1762.1793) am Nordende des Gipfelplateaus, ca. 800 m nördlich des kultischen Bezirks aus persisch-hellenistischer Zeit, stand in spätrömischer Zeit (2.–4. Jh. n.Chr.) ein Zeus/Jupiter-Tempel. Er war von der im 1. Jh. n.Chr. im Talgrund errichteten Stadt Neapolis durch eine Treppe erreichbar, die auf zeitgenössischen Münzen abgebildet und in Teilen archäologisch nachgewiesen ist.
[Detlef Jericke, 2017]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:06:20

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BRL (1937), 169f (Galling, Kurt, Art. Garizim)
  • BHH 1 (1962), 513 (Beek, Martin A., Art. Garizim)
  • EAEHL 4 (1978), 1015-1022 (Bull, Robert J., Art. Er-Ras, Tell [Mount Gerizim])
  • TRE 12 (1984), 28f (Hahn, Joachim, Art. Garizim und Ebal)
  • NBL 1 (1991), 728f (Görg, Manfred, Art. Garizim)
  • NEAEHL 2 (1993), 484–492 (Magen, Yitzhak, Art. Gerizim, Mount); 5 (2008), 1742–1748 (Magen, Yitzhak, Art. Gerizim, Mount)
  • RGG4 3 (2000), 467f (Dexinger, Ferdinand, Art. Garizim)
  • WiBiLex 2012 (Kieweler, Hans Volker, Art. Garizim)
  • EBR 10 (2015), 105-117 (Magen, Yitzhak / Pummer, Reinhard, Art. Gerizim, Mount)

 

Literatur

Thomsen, Peter 1907a , 24f ;  Abel, Félix-Marie 1933a , 360–370 ;  Schneider, Alfons Maria 1951aSimons, Jan 1959a , 35f §§ 87–88 ;  Bull, Robert J. 1968aBull, Robert J. 1968bBoling, Robert G. 1969aBoling, Robert G. 1969bKippenberg, Hans Gerhard 1971aBull, Robert J. 1975aPerlitt, Lothar 1977aAnderson, Robert T. 1980aSeebass, Horst 1982aMagen, Yitzhak 1986aWaldmann, Helmut 1987aSchmitt, Götz 1988aMagen, Yitzhak 1990aCampbell, Edward Fay 1991a , 66f ;  Bieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991aAnderson, Robert T. 1991aKellermann, Diether u.a. 1992aJericke, Detlef / Schmitt, Götz 1992aJericke, Detlef / Schmitt, Götz 1993aMagen, Yitzhak 1993aPerlitt, Lothar 1994b , 32-94 ;  Tsafrir, Yoram u.a. 1994a , 133f ;  Schmitt, Götz 1995a , 163f ;  Noort, Edward 1997aNaveh, Joseph / Magen, Yitzhak 1997aZangenberg, Jürgen 1998a , 35-47 ;  Frey, Jörg 1999a , 180–186 ;  Magen, Yitzhak 2000aStern, Ephraim / Magen, Yitzhak 2002aMagen, Yitzhak u.a. 2004aKnoppers, Gary N. 2005aMagen, Yitzhak 2007aNihan, Christophe 2007aZangenberg, Jürgen 2007a Magen, Yitzhak u.a. 2008aKartveit, Magnar 2009aMagen, Yitzhak 2010aKreuzer, Siegfried 2010aMor, Menachem / Reiterer, Friedrich V. 2010aKreuzer, Siegfried 2010aNihan, Christophe 2012aJericke, Detlef 2012aDušek, Jan 2012aZangenberg, Jürgen K. 2012aPummer, Reinhard 2016bPummer, Reinhard 2016a , 74-118 ;  Hensel, Benedikt 2016a , 35-90 ;  Hensel, Benedikt 2018a