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Meschech

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Meshech; Muški; Muski

Lokalisierungsvorschläge

  • Landschaft in Nordost-Anatolien (Fachliteratur)   

Namensformen AT

משׁך mæšæk (Samaritanus mwšk). Μοσοχ „Ziehen, Erwerb“

Belege AT

Gen 10,2; Jes 66,19(LXX); Ez 27,13; Ez 32,26; Ez 38,2‒3; Ez 39,1; Ps 120,5; 1Chr 1,5; 1Chr 1,17

Belege aus altorientalischen Dokumenten

mušku (neusassyrisch: Parpola, Simo 1970a, 252f; Bagg, Ariel M. 2007a, 178f)

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Μοσχοι (Herodot 3,94; 7,78)
Μεσχηνοι, Μεσχου (Josephus, antiquitates 1,125)

Beschreibung

Meschech ist der sechste Sohn Jafets in der Genealogie der Nachkommen Noachs, der sogenannten „Völkertafel“ (Gen 10,2; vgl. 1Chr 1,5). Er wird nach Tubal genannt. Der masoretische Text von 1Chr 1,17 listet Meschech nochmals unter den Nachkommen Sems auf. In der LXX fehlt der Name an dieser Stelle. Die Verdoppelung im masoretischen Text könnte darauf zurückzuführen sein, dass LXX in Gen 10,23 für Masch, einen weiteren Nachkommen aus der Linie Sems, ebenso Μοσοχ schreibt wie für Meschech in Gen 10,2. Auf der anderen Seite fehlt der Name Masch in 1Chr 1. Möglicherweise wurde deshalb im hebräischen Text dieses Kapitels unter den Nachfahren Sems anstelle von Masch ein weiterer Meschech zusätzlich zum Jafetiten Meschech eingesetzt. Diese Annahme impliziert, dass bereits in alttestamentlicher Zeit Meschech und Masch gleichgesetzt wurden. Textkritische Probleme bietet auch Jes 66,19. Der masoretische Text hat hier die Wendung moškê qæšæt tubal, die mit „Bogenschützen Tubals“ übersetzt werden könnte (vgl. 1Kön 22,34). LXX unterschlägt jedoch das Wort qæšæt und schreibt Μοσοχ καὶ Θοβελ „Meschech und Tubal“, wohl beeinflusst von dem stereotypen Nebeneinander beider Größen im Ezechielbuch. Dieses kennt Meschech als Toponym, das immer gemeinsam mit Tubal genannt ist. Meschech und Tubal sind Handelspartner von Tyrus (Ez 27,13) und werden neben Ägypten, Assur und Elam als untergegangene Mächte beklagt (Ez 32,26). Darüber hinaus kennzeichnen sie den Herrschaftbereich des apokalyptischen Fürsten Gog (Ez 38,2‒3; Ez 39,1). In Dokumenten der neuassyrischen Zeit aus dem 9. bis 7. Jh. v.Chr. werden mušku und tabālu gemeinsam als tributpflichtige Herrschaften erwähnt. Eine Gleichsetzung mit den alttestamentlichen Toponymen Meschech und Tubal wird allgemein vorausgesetzt (Bagg, Ariel M. 2007a, 178f). In den Annalen Sargons II. (722‒705 v.Chr.) wird ein „König“ Mitā von mušku erwähnt. Da für das ausgehende 8. Jh. v.Chr. u.a. bei Herodot ein König Midas von Phrygien belegt ist (Herodot 1,14), wird Mitā gern mit diesem Midas und entsprechend mušku/Meschech mit Phrygien bzw. den Phrygern gleichgesetzt (Lipiński, Edward 1990a, 46f; Kessler, Karlheinz 1991a). Während die ethnische Gleichsetzung problematisch ist, erscheint eine geographische Übereinstimmung zwischen den Größen mušku/Meschech und Phrygien möglich. Phrygien lag in Anatolien zwischen Lydien im Westen und Kappadokien im Osten. Die zentrale Residenz Phrygiens war Gordion (Sakarya 39º39'18"N.31º59'39"E). Die Identifikation von Meschech mit Phrygien scheint dadurch unterstützt zu werden, dass der apokalyptische König Gog des Ezechielbuchs gern als literarische Ausformung des lydischen Herrschers Gyges angesehen wird, der im 7. Jh. v.Chr. regierte, zu einer Zeit, als Lydien die Region von Phrygien kontrollierte. Insofern könnten sich Ez 38 und Ez 39 auf diese Situation beziehen. Die genannte Argumentationskette bleibt jedoch unsicher, da umstritten ist, inwieweit die Dokumente sowohl zu Midas als auch zu Gyges legendarisch überformt sind. Dazu kommt, dass Herodot die Μοσχοι („Moscher“), die aller Wahrscheinlichkeit nach mit mušku/Meschech gleichzusetzen sind, als Bewohner des 19. „Kreises“ (νόμος) vorstellt (Herodot 3,94). Dieser lag im Nordosten Anatoliens an der Schwarzmeerküste in Nachbarschaft zur Landschaft Kolchis an der Südostecke des Schwarzen Meers (vgl. Högemann, Peter / Buschmann, Kai 1986a). Dem entspricht die Notiz bei Strabon, dass das „Bergland der Moscher jenseits der Kolchis“ (τοῖς Μοσχικοῖς ὄρεσι τοῖς ὑπὲρ τῆς Κολχίδος) liege (Strabon 12,3.18). Die Angaben der griechischischen Schriftsteller werden unterschiedlich interpretiert. Entweder wird eine Verdrängung der mušku/Meschech genannten Gruppen in den Norden erwogen (Lipiński, Edward 1990a, 46f), oder die Identität zwischen mušku/Meschech und den Μοσχοι wird bestritten (Bagg, Ariel M. 2007a, 178f). Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist jedoch davon auszugehen, dass ab dem 6./5. Jh. v.Chr. die Vorstellungen vom Siedlungsgebiet der Größe mušku/Meschech ungenauer wurden. Josephus erklärt Meschech ethnisch und schreibt, die „Meschener“ (Μεσχῆνοι) würden jetzt Kappadokier (Καππαδοκες) genannt (antiquitates 1,125). Damit bleibt er zwar im Großraum Anatolien, bietet seinen Lesern allerdings eine zeitgenössisch bekannte Größe zur Identifizierung des unbekannten biblischen Namens an. Auch die alttestamentlichen Belege selbst zeigen sich zunehmend unbestimmt hinsichtlich einer geographischen Festlegung. Gen 10 und 1Chr 1 verstehen Meschech lediglich als Teil der Mittelmeerwelt. Ps 120,5 könnte noch in Übereinstimmung mit den griechischen Quellen zu den Μοσχοι so verstanden werden, dass Meschech das nördliche Ende der bekannten Welt markiert, während Kedar für die südliche Erstreckung steht. Ez 38 und Ez 39 versetzen Meschech und Tubal in eine apokalyptische Szenerie und blenden damit die Erfahrungswelt weitgehend aus.

[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:01:23

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • RLA 8, 493-495 (Röllig, Wolfgang, Art. Muški, Muski)
  • ABD 4 (1992), 711 (Baker, David W., Art. Meshech)

 

Literatur

Hölscher, Gustav 1949a , 45 ;  Skinner, John 1951a , 199 ;  Simons, Jan 1959a , 61f § 162 ;  Speiser, Ephraim Avigdor 1964a , 66 ;  Westermann, Claus 1974a , 675 ;  Högemann, Peter / Buschmann, Kai 1986aWenham, Gordon J. 1987a , 217 ;  Lipiński, Edward 1990a , 46f ;  Kessler, Karlheinz 1991aMaier, Johann 1991a , 175.183.188.192 ;  Soggin, Jan Alberto 1997a , 169 ;  Wittke, Anne-Maria 2004aMaier, Johann 2004a , 157.165.170.174 ;  Gmirkin, Russell E. 2006a , 148 ;  Wittke, Anne-Maria u.a. 2012a , 41-43.50-53 ;  Lipiński, Edward 2018a , 192-196 ;  Summers, Geoffrey D. 2018a