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Ur

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

אור (כשדים) ’ûr (kaśdîm). ‘η χώρα τῶν Χαλδαίων

Belege AT

Gen 11,28; Gen 11,31; Gen 15,7; Neh 9,7

Belege aus altorientalischen Dokumenten

ur/uri(m) (akkadisch: Belmonte Marín, Juan Antonio 2001a, 324f)
ūr (neuassyrisch: Parpola, Simo 1970a, 370)
uri (neubabylonisch: Zadok, Ran 1985a, 321−323)

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Ὀυρη (Josephus, antiquitates 1,151)
Hur (Etheria 20,12: Geyer, Paulus 1898a, 66; Röwekamp, Georg / Thönnes, Dietmar 1995a, 210; Donner, Herbert 2002a, 128)

Beschreibung

Ur wird im Alten Testament als Ausgangspunkt der Wanderungen Abrahams genannt. Dabei ist immer die Wendung „Ur in Chaldäa” ûr kaśdîm verwendet. Ur liegt demzufolge im südlichen Mesopotamien. Aus Keilschrifttexten ist dort seit dem 3. Jt. v.Chr. die Stadt ur bzw. uri(m) belegt. Sie wird auf Tell el-Muqēǧǧir ca. 250 km südöstlich der Stadt Babel/Babylon lokalisiert. Die von 1922 bis 1934 von Sir Leonard Woolley geleiteten Grabungen legten eine bis zu 60 ha große Stadt frei, deren Blütezeit im 3. Jt. v.Chr. war. Am Ende des 3. Jt. v.Chr., während der 3. Dynastie von Ur, beherrschte die Stadt ein Imperium von 23 Stadtstaaten im Süden Mesopotamiens. Aus dieser Zeit stammt auch der teilweise ergrabene Tempelturm (Zikkurat) für den Mondgott Nanna/Sîn. Nach der Eroberung durch Elam um 2000 v.Chr. schwand der politische Einfluss von Ur, die Stadt blieb jedoch weiterhin ein überregionales kultisches Zentrum. Insbesondere in der Zeit der neubabylonischen Herrschaft (7./6. Jh. v.Chr.) spielte Ur nochmals neben dem nordmesopotamischen Haran eine wichtige Rolle als zentraler Kultort für Sîn. Auf diese Zeit dürfte die stereotype Wendung „Ur in Chaldäa” zurückgehen, da die chaldäischen Stämme erst im 9. Jh. v.Chr. in das südliche Mesopotamien vordrangen. Vermutlich stammten auch die neubabylonischen Könige des 7./6. Jh. v.Chr. aus chaldäischen Gruppen. Seit dem Mittelalter wurden und werden Zweifel an der heute weitgehend akzeptierten Gleichsetzung des biblischen Ur mit dem keilschriftlich bezeugten Ort im südlichen Mesopotamien geäußert (vgl. Cassuto, Umberto 1964a, 271–275). Die älteren Vorschläge, Ur etwa mit dem in neuassyrischen Texten genannten Ort kutû/kutê (Tell Ibrāhīm 32º44'71"N. 44º37'15"E) ca. 25 km nordöstlich von Babel/Babylon oder gar mit Ararat/urarṭu nördlich von Assur gleichzusetzen, beruhen entweder auf noch unklaren Vorstellungen zur historischen Topographie Mesopotamiens oder auf dem wörtlichem Verständnis des biblischen Texts. Im letztgenannten Fall wird argumentiert, der Weg vom südlichen Zweistromland nach Kanaan sei für die Abrahamfamilie zu weit gewesen, Ur müsse deshalb näher bei Syrien-Palästina gelegen haben. Neuere Einwendungen gegen die Lokalisierung des biblischen Ur auf Tell el-Muqēǧǧir gehen von der nicht haltbaren Annahme aus, die Erzelternerzählungen der Genesis beruhten auf historischen Verhältnissen der ersten Hälfte des 2. Jt. v.Chr., als die Chaldäer noch nicht in Mesopotamien waren (Shanks, Hershel 2000a; Shanks, Herschel 2000b). Den Zweifeln an der Identifizierung des biblischen mit dem mesopotamischen Ur ist entgegenzuhalten, dass die Itinerare in Gen 11-13 als Teile einer literarisch konstruierten Topographie zu verstehen sind und dass die Texte zur Herkunft der Abrahamfamilie sicher nach dem ersten Auftreten der Chaldäer im südlichen Zweistromland entstanden.

[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 18:55:59

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 3 (1966), 2060 (Schmidtke, Friedrich, Art. Ur)
  • NBL 3 (2001), 975 (Streck, Michael P., Art. Ur)
  • ABD 6 (1992), 766 (Margueron, Jean-Claude, Art. Ur)
  • LThK3 10 (2001), 453 (Ruppert, Lothar, Art. Ur)
  • DNP 12/1 (2002), 1022f (Nissen, Hans Jörg, Art. Ur)
  • RGG4 8 (2005) 816f (Frahm, Eckart, Art. Ur)

 

Literatur

Woolley, Charles Leonard u.a. 1927-1974aWoolley, Charles Leonard 1955aMallowan, Max Edgar Lucien / Wiseman, Donald John 1960aParrot, André 1962a , 14−35 ;  Cassuto, Umberto 1964a , 271–275 ;  Strommenger, Eva 1964aWoolley, Charles Leonard / Moorey, Peter R. S. 1982aEickhoff, Tilman 1991a , 455 ;  Mieroop, Marc van der 1992aZettler, Richard L. / Horne, Lee 1998aWestenholz, Joan Goodnick 1999aZakovitch, Yair 1999aShanks, Hershel 2000aShanks, Hershel 2000bMillard, Alan Ralph 2001aBryce, Trevor 2009a , 742–746 ;  Jericke, Detlef 2013a , 83f ;  Miller, Naomi F. 2013aCrawford, Harriet 2015aBenati, Giacomo 2015aBenati, Giacomo / Lecompte, Camille 2016aCasadei, Eloisa 2016aBaadsgaard, Aubrey 2016aCulbertson, Laura 2016aBenati, Giacomo 2016aCharvát, Petr 2017aTarasewicz, Radosław 2018a