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Jawan

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Javan; Ionia; Griechenland; Ancient Greece

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

יון jāwān. ἡ Ἑλλας, ὁι Ἑλληνοι, Ἰωυαν

Belege AT

Gen 10,2; Gen 10,4; 1Chr 1,5; 1 Chr 1,7; Jes 66,19; Ez 27,13; Ez 27,19(?); Jo 4,6 (gent.); Sach 9,13; Dan 8,21; Dan 10,20; Dan 11,2

Belege aus altorientalischen Dokumenten

jaman(a), jamnāju (neuassyrisch: Parpola, Simo 1970a, 186f; Fuchs, Andreas 1994a, 440; Bagg, Ariel M. 2007a, 123f)
jamanu (neubabylonisch: Zadok, Ran 1985a, 186‒188)
ywn (altsüdarabisch: Robin, Christian / Maigret, Alessandro de 2009a, 82‒84

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Ἰωνια (Herodot 1,92.163‒174 passim; Xenophon, Kyroupeideia 8,6; Strabon, passim: Radt, Stefan 2011a, 134)
Ἰωνοι (Herodot passim; Xenophon, Kyroupeideia 6,2; Strabon, passim: Radt, Stefan 2011a, 134)
jw’n (aramäisch: Beyer, Klaus 1994a, 80)
Ionia/Iones (Plinius, naturalis historia, passim)
Ἰαυανος (Josephus, antiquitates 1,124)

Beschreibung

In Gen 10 und 1Chr 1 wird Jawan als Personenname verwendet. Jawan gilt als vierter Sohn Jafets (Gen 10,2; 1Chr 1,5), dem vier eigene Nachkommen zugerechnet werden (Gen 10,4; 1Chr 1,7). Alle anderen alttestamentlichen Belege verstehen Jawan als Landschaftsbezeichnung. Darauf weist auch das Gentilitium hajjewanîm „die Jawaniter“ (Jo 4,6). LXX unterscheidet ebenfalls zwischen dem Personennamen in Gen 10 und 1Chr 1, der als Ἰωυαν transkribiert wird, und dem Toponym, das mit Ἑλλας („Hellas, Griechenland“; Jes 66,19; Ez 27,13) oder mit dem Stämmenamen Ἑλληνοι („Hellenen, Griechen“; Jo 4,6; Sach 9,13; Dan 8,21; Dan 10,20; Dan 11,2) wiedergegeben wird. Die Kennzeichnung eines Toponyms durch einen Stämme- oder Völkernamen entspricht einer spätestens seit Herodot in der griechischsprachigen Literatur zu beobachtenden Praxis. Josephus verwendet in seiner Nacherzählung der biblischen Urgeschichte den Personennamen Ἰαυανος („Iauanos“, antiquitates 1,124) für Jawan, kombiniert diesen jedoch mit dem Landschaftsnamen Ionien (Ἰωνια), indem er erklärend hinzufügt, Iauanos sei der Stammvater Ioniens und „aller Hellenen (Griechen)“ (πάντες Ἕλληνες). Textkritische Probleme bietet Ez 27,19 (vgl. Berger, Paul-Richard 1982a, 65-71). Der masoretische Text hat den Namen Jawan, allerdings in der kaum verständlichen Fügung „Dan und Jawan aus Usal“ Gängige deutsche Übersetzungen (Luther, Zürcher) fassen den Ausdruck wedān („und Dan“) sogar als Eigenname und übersetzen „Wedan und Jawan“. LXX liest statt Jawan jwn (יון) die Konsonantenfolge jjn (יין) jajin „Wein“ und schreibt „Wein haben sie auf deinen Marktplatz gegeben, aus Usal (Ασελ) bearbeitetes Eisen ...“. Da beide Versionen nicht verständlich erscheinen (vgl. Zimmerli, Walther 1979a, 631; anders Berger, Paul-Richard 1982a, 65-71), bleibt offen, ob der Vers einen Beleg für die Ortsangabe Jawan darstellt. Weitere Unklarheiten bei der Übertragung des hebräischen Texts ins Griechische zeigen Jer 46,16 (LXX Jer 26,16) und Jer 50,16 (LXX Jer 27,16). LXX übersetzt in beiden Versen die hebräische Wendung ḥæræb hajjonāh „mörderisches Schwert“ mit μαχαίρας Ἑλληνικῆς „hellenisches (griechisches) Schwert“ und interpretiert dabei die von der Wurzel jnh „unterdrücken, zerstören“ abgeleitete Form hajjonāh als Hinweis auf Jawan. Gewöhnlich wird Jawan mit der Landschaft Ionien bzw. mit deren Bewohnern, den Ioniern gleichgesetzt. Ihr Kerngebiet soll in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v.Chr. im äußersten Westen bzw. Südwesten Kleinasiens um die Stadt Milet gelegen haben (Lipiński, Edward 1990a, 45). Allerdings war Ionien zu keiner Zeit eine verwaltungstechnischer Terminus, so dass die entsprechenden Erwähnungen der Landschaft in der griechischsprachigen Literatur ab der Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr. wenig präzise topographische Beschreibungen ermöglichen. So bringt bereits Herodot mehrfach die Ionier mit den „Inseln“, d.h. der Inselwelt der Ägäis in Zusammenhang (Herodot 1,27.150) und unterscheidet sie von den Bewohnern des griechischen Festlands, die er „Hellenen“ nennt. Auch das Jubiläenbuch geht davon aus, dass es sich bei Jawan um die ägäischen Inseln handelt (Jub 9,10), wobei fraglich ist, inwieweit dieser Beleg historisch-topographisch auszuwerten ist. Folglich ist nach kritischer Auswertung der zur Verfügung stehenden Dokumente nicht genau zu beschreiben, welche Region die alttestamentlichen Belege mit dem Namen Jawan meinen. Mehrfach wird der Ausdruck zusammen mit Meschech und Tubal genannt (Gen 10,2; 1Chr 1,5; Jes 66,19; Ez 27,13), die im zentralen bzw. östlichen Anatolien zu suchen sind. Dies könnte darauf hinweisen, dass Jawan im Südwesten Kleinasiens gedacht ist. Offen ist auch, ob die Territorien der als Nachfahren Jawans genannten Bewohner der Inselwelt (Kittäer, Rodaniter) mit zum Bereich Jawans zu zählen oder von diesem zu unterscheiden sind (vgl. Horowitz, Wayne 1990a). Die Jo 4,6 und Sach 9,13 genannten „Jawaniter“ bzw. „Söhne Jawans“ scheinen ganz allgemein Bewohner des östlichen Mittelmeers zu bezeichnen. Im Danielbuch weisen Wendungen wie „Fürst von Jawan“ (Dan 10,20) oder „Reich von Jawan“ (Dan 11,2) entweder auf das Alexanderreich oder eher auf das Imperium der Seleukiden. Und auch die LXX versteht unter Jawan Griechenland insgesamt, d.h. mit den Inseln und vermutlich auch mit den von den griechischen Städten kontrollierten Territorien im westlichen Kleinasien. Dem entspricht weitgehend die Formulierung von Josephus, der unter Jawan „Ionien und alle Hellenen (Griechen)“ zusammenfasst. Jawan dürfte daher allgemein die Bewohner der Küstengebiete im östlichen Mittelmeerraum einschließlich der Ägäis und des griechischen Festlands meinen.
[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:05:39

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • RLA 5 (1976-1980), 150 (Röllig, Wolfgang, Art. Ionier)
  • BHH 1 (1962), 609f (Dahl, Nils Alstrup, Art. Griechenland, Griechen); 2 (1964), 806 (Weise, Manfred, Art. Javan)
  • NBL 2 (1995), 279f (Görg, Manfred, Art. Jawan)
  • ABD 3 (1992), 650 (Baker, David W., Art Javan)
  • DNP 5 (1998), 1077f (Gschnitzer, Fritz, Art. Iones); 5 (1998), 1078 (Olshausen, Eckart, Art. Ionia)
  • EBR 10 (2015), 856-876 (Redding, Jonathan u.a., Art. Greece, Ancient); 13 (2016), 789-792 (Marti, Lionel / Gonzalez, Hervé, Art. Javan)

 

Literatur

Robertson, E. 1908aGunkel, Hermann 1910a , 153 ;  Skinner, John 1951a , 198 ;  Westermann, Claus 1974a , 675 ;  Zimmerli, Walther 1979a , 652f ;  Elayi, Josette / Cavigneaux, Antoine 1979aBerger, Paul-Richard 1982aHögemann, Peter / Buschmann, Kai 1986aWenham, Gordon J. 1987a , 217 ;  Waldmann, Helmut 1987aSarna, Nahum M. 1989a , 70 ;  Horowitz, Wayne 1990aLipiński, Edward 1990a , 45 ;  Kessler, Karlheinz 1991aMaier, Johann 1991a , 174.183.188.191 ;  Orth, Wolfgang 1992aGrainger, John D. 1997a , 730 ;  Soggin, Jan Alberto 1997a , 169 ;  Hagedorn, Anselm C. 2004a , 58f ;  Maier, Johann 2004a , 156.165.169.173 ;  Gmirkin, Russell E. 2006a , 150.157-160 ;  Rollinger, Robert 2007aWittke, Anne-Maria u.a. 2012a , 36-39 ;