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Emek-Keziz

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Lokalisierungsvorschläge

  • Vered Yeriḥo (? odb)   

Namensformen AT

עמק־קציץ ʿæmæq-qeṣîṣ. Ἀμεκ(κ)ασις

Belege AT

Jos 18,21

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Ἀμεκ(κ)ασις (Eusebius, Onomastikon 28,2: Notley R. Steven / Safrai, Zeʾev 2005a, 30, Nr. 98; Timm, Stefan 2017a, 31 Zeile 5, Nr. 98)

Beschreibung

Namenserklärung

Die Verbindung von ʿæmæq „Ebene, Tal“ mit einer Form der Wurzel qṣṣ „abhauen, abschneiden“ kann etwa im Sinn einer aus kleinen Steinen bestehenden Fläche, also einem Schutt- oder Geröllfeld interpretiert werden (Schunck, Klaus-Dietrich 1962a, 157; „Kies-Ebene“, Noth, Martin 1953a, 149). Alternativ könnte ein tief eingeschnittenes Tal gemeint sein (McKinny, Charles Christopher 2016a, 317).

Biblischer Befund

Aufgrund der Überlegungen zur Etymologie könnte bei Emek-Keziz an den Namen einer Geländeformation gedacht werden. Die einzige alttestamentliche Belegstelle Jos 18,21 versteht Emek-Keziz jedoch als Ortsnamen, da unmittelbar zuvor in demselben Vers von den hæʿārîm lemaṭṭeh benê binjāmin, den „Orten des Stammes der Benjaminiter“ die Rede ist. Auch die transkribierende LXX-Schreibung Ἀμεκασις (LXXB) bzw. Ἀμεκκασις (LXXA) scheint von einem Ortsnamen auszugehen. In der Ortsliste Benjamins (Jos 18,21-28) steht der Ort nach Jericho und Bet-Hogla (Jos 18,21) und vor Bet-Araba (Jos 18,22). Daher ist Emek-Keziz auf der Westseite des unteren Jordantals unmittelbar nördlich der Einmündug des Flusses in das Tote Meer (Salzmeer) vorzustellen, wo auch die drei genannten Orte liegen bzw. zu suchen sind.

Lokalisierung

Eine breiter akzeptierte Lokalisierung von Emek-Keziz ist bisher nicht gelungen. Bereits Eusebius referiert lediglich den biblischen Befund und schreibt, der Ort gehöre zu Benjamin (Onomastikon 28,2). Neuere Forschungsbeiträge begnügen sich damit, den Ort als nicht lokalisierbar auszuweisen (Noth, Martin 1953a, 111.149; Simons, Jan 1959a, 174 § 327; Fritz, Volkmar 1994a, 184; Rösel, Hartmut N. 2011a, 295). Lediglich Abel gibt einen Hinweis auf die mögliche Lage, ohne jedoch eine spezielle Ortslage für die Gleichsetzung mit Emek-Keziz zu nennen (Abel, Felix-Marie 1938a, 92). Auf einer der dem Werk beigegebenen Kartenskizzen (Abel, Felix-Marie 1938a, Carte II; nicht Carte IV, wie auf S. 92 vermerkt) zeichnet er den Ort wenig südwestlich von Jericho am südlichen Ufer des Wādī Qelṭ ein. Schunck geht davon aus, dass es sich dabei um die ca. 3 km südsüdwestlich des alttestamentlichen Jericho (Tell es-Sulṭān) gelegene Ḫirbet Qāqūn handelt, was von der Lage her zutrifft. Bei einer Oberflächenuntersuchung der heute im Bereich der Flüchtlingssiedlung ʿAqabat Ǧabr gelegenen ca. 200 x 100 m großen Ortslage fanden sich jedoch keine vorrömischen Reste, ebensowenig wie auf dem gut 2 km weiter nördlich gelegenen Tell es-Samrāt und auf der ca. 3 km östlich von Ḫirbet Qāqūn gelegenen Ḫirbet Muġēfir. Schunck schlägt deshalb vor, Emek-Keziz als eine aus mehreren Einzelgehöften bestehende Streusiedlung an den Ufern des Wādī Qelṭ zwischen dem Tell es-Sulṭān im Nordwesten und der ʿAin el-Ġarabe (1972.1391; 31.8444011º N, 35.4975569º E) im Südosten, an der er Bet-Araba vermutet, zu verstehen (Schunck, Klaus-Dietrich 1962a, 153–158). Der Name der Ortslage sei durch den Kiesbelag im trockenen Wādī-Bett zu erklären. Von der Existenz entsprechender Einzelgehöfte aus alttestamentlicher Zeit in dem umschriebenen Gebiet geht Schunck dabei aus. Die diesbezügliche Vermutung hat sich jedoch bei neueren Untersuchungen als nicht zutreffend erwiesen. Zumindest nach den publizierten Forschungsergebnissen sind in dem von Schunck ins Auge gefassten Gebiet keine Fundplätze mit vorhellenistischen Resten dokumentiert (Sion, Ofer 2013a; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/maps/184-iron-sites; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/maps/185-persian-sites). Daher lässt sich der Vorschlag von Schunck zur Lokalisierung von Emek-Keziz nach derzeitigem Kenntnisstand nicht verifizieren.
Dagegen hat sich der archäologische Befund an den bereits von Schunck genannten Ortslagen bei neueren Untersuchungen weitgehend bestätigt (Sion, Ofer 2013a, sites 39.23.47–49; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/component/content/article/38-sites/121-069-qaqun-khirbet; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/component/content/article/38-sites/130-078-rujm-el-mugheifir-north; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/component/content/article/38-sites/131-079-rujm-el-mugheifir-southtell-el-khursi; http://www.lasapienzatojericho.it/padis/component/content/article/38-sites/132-080-rujm-el-mugheifir-area-byzantine-aqueduct). Lediglich von Tell es-Samrāt sind neben Keramikscherben aus der Frühbronzezit IV und der Mittelbronzezeit II auch solche der spätesten Eisenzeit (7. /6. Jh. v.Chr.) dokumentiert (http://www.lasapienzatojericho.it/padis/component/content/article/38-sites/134-082-samarat-tell-es-). Die architektonischen Reste auf auf dem Siedlungshügel und die Spuren einer antiken Pferderennbahn in unmittelbarer Nachbarschaft stammen jedoch aus hellenistischer oder römischer Zeit (Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a, 512 mit Abb. 349). Daher erscheint die Annahme naheliegend, dass es sich bei Tell es-Samrāt um die Stadt Jericho der hellenistisch-frührömischen Zeit handelt, zumal die auf den Tulūl Abū el-ʿAlāyiq (1913.1400; 31.8526457º N, 35.4352449º E) ergrabenen hasmonäischen bzw. herodianischen Palastanlagen unmittelbar westlich des Siedlungshügels liegen (Netzer, Ehud u.a. 2004a).
Lediglich ca. 3 km südlich von Ḫirbet Qāqūn liegt Vered Yeriḥo. Grabungen brachten eine eine ca. 24 x 20 m messende befestigte Anlage zu Tage. Die südliche Hälfte wird von zwei Pfeilerhäusern (Vierraumhäusern) ausgefüllt. In der nördlichen Hälfte schützen zwei rechteckige Türme den Eingang zu einem Hof, in dem zwei Treppen zu erkennen sind, die vermutlich auf das Dach führten. Die Anlage wird in die späte Eisenzeit II (6. Jh. v.Chr.) datiert (Eitan, Avraham 1983a; Kolska Horwitz, Liora u.a. 2018a). Sie steht in einem flachen Gelände südlich von Jericho, dessen Boden teilweise mit Kieseln bedeckt ist (Horwitz, Liora u.a. 2018a, 968, Fig. 1b). Wenn man sich von der Vorstellung löst, dass die Ortslisten im Josuabuch Verhältnisse des 8./7. Jh. v.Chr. voraussetzen, ist eine Gleichsetzung von Emek-Keziz mit Vered Yeriḥo gut vorstellbar. Zumindest entspricht die Lage südwestlich von Jericho und westlich von Bet-Hogla (ʿAin Ḥaǧlā) der Platzierung des Ortsnamens in Jos 18,22. Auch die naturräumliche Umgebung unterstreicht den Lokalisierungsvorschlag, wenn man den Namen Emek-Keziz als „Geröllfeld” o.ä. versteht.
Weitere Lokalisierungsvorschläge referiert McKinny (McKinny, Chris 2015a, 18*–21*; McKinny, Charles Christopher 2016a, 317–320; vgl. EBR 17, 919–921). Die von ihm als „Valley of Achor“ identifizierte Hochebene el-Buqēʿa westlich oberhalb von Ḫirbet Qumrān verwirft er, weil sie südlich der in Jos 18,15-19 beschriebenen Südgrenze Benjamins und damit nach alttestamentlicher Vorstellung bereits in Juda liegt. Würde man jedoch das Achor-Tal mit dem nordwestlich von Jericho gelegenen Wādī en-Nuwēʿime gleichsetzen (Neef, Heinz-Dieter 1984a; Kellermann, Diether u.a. 1992), so wäre ein Zusammenhang mit Emek-Keziz nicht völlig auszuschließen. Weiterhin nennt McKinny das Wādī eṣ-Ṣuwēnīt, das im Bergland westlich von Jericho in das Wādī Qelṭ mündet. Die eisenzeitlichen Ortslagen in diesem Tal (vgl. Goldfus, Haim / Golani, Amir 2013a, Sites 71 [392], 74 [395], 90 [411]) hält er jedoch für zu klein, als dass sie einen Ort aus der Liste benjaminitischer „Städte“ (Jos 18,21-28) repräsentieren könnten. Gleiches gilt seiner Ansicht nach auch für die nördlich oberhalb des Wādī eṣ-Ṣuwēnīt gelegene späteisenzeitliche Anlage von Ḥorvat Šilḥa. Dabei handelt es sich um eine rechteckige, möglicherweise quadratische befestigte Anlage. Die gut 27 m lange Südseite mit einem größeren 4-Raum-Gebäude und mehreren anderen Räumen wurde ergraben. Nach der Keramik und einem Krughenkel mit Königsstempel (lmlk-Stempel), der den Ortsnamen Sif (Sif, Bergland) zeigt, wurde der Platz vom ausgehenden 8. bis in das 7./6. Jh. v.Chr. genutzt (Mazar, Amihai u.a. 1996a; NEAEHL 4, 1364). Warum Ḥorvat Šilḥa zu klein für einen in Jos 18,21-28 genannten Ort sein sollte, ist nicht zu erkennen, zumal es sich um einen der wenigen größeren Siedlungsplätze aus vorhellenistischer bzw. vorrömischer Zeit am Ostabfall des palästininischen Berglands handelt. Insofern ist eine Gleichsetzung mit Emek-Keziz nicht völlig auszuschließen.
McKinny selbst sucht Emek-Keziz ca. 15 km nördlich von Ḥorvat Šilḥa im Wādī el-ʿAuǧa bei der Quelle ʿAin es-Sāmiya (1816.1553; 31.9907679º N, 35.3329484º E). Er folgt damit einem Hinweis des "Survey of Western Palestine" aus dem späten 19. Jahrhundert. An der Quelle wurden Gräber der Mittel- und Spätbronzezeit, der Eisenzeit und späterer Epochen entdeckt (Dever, William G. 1972a; Finkelstein, Israel u.a. 1997a, 731; Greenberg, Raphael / Keinan, Adi 2009a, 56 Nr. 214 u 215). Oberhalb der Quelle befindet sich auf einem Felssporn die Ḫirbet el-Marǧame, eine der größten mehrperiodischen Siedlungsstätten am Ostabfall des Berglands. Nach Oberflächenuntersuchungen wurde der Platz in etwa zu denselben Zeiten wie der bei der Quelle liegende Friedhof genutzt. Grabungen beschränkten sich auf eisenzeitliche Reste. Dabei wurde ein größeres Gebäude von 14,5 x 30 m und ein massiver Turm an der Nordseite freigelegt. Der Ausgräber rekonstruiert eine etwa 3 ha große, ummauerte Stadtanlage, die vom 10. bis in das 8. Jh. v.Chr. stand (NEAEHL 3, 965f; Mazar, Amihai 1995a). Der markante Siedlungsplatz war schon länger bekannt und wurde mit verschiedenen alttestamentlichen Toponymen wie Efraim (Efraim, Ort; 2Sam 13,23), Baal-Schalischa (2Kön 4,42) oder selbst mit Ai gleichgesetzt (Mazar, Amihai 1995a, 115f; McKinny, Charles Christopher 2016a, 319f), ohne dass diese Thesen Zustimmung fanden. McKinny schlägt deshalb vor, versuchsweise Emek-Keziz auf Ḫirbet el-Marǧame zu lokalisieren („a tentaive identification“; McKinny, Charles Christopher 2016a, 320). Er argumentiert v.a. mit der Lage des Platzes über einem tief eingeschnittenen Tal, was dem Namen entsprechen könnte. Außerdem verweist er auf die Nähe zu Ofra (Jos 18,23). Sein Vorschlag beachtet jedoch nicht, dass Emek-Keziz in Jos 18 zwischen den im Jordangraben zu suchenden Orten Bet-Hogla und Bet-Araba platziert und dass Ofra in der Liste benjaminitischer Orte (Jos 18,21-28) erst an sechster Position nach Emek-Keziz aufgeführt ist. Für einen bei Bet-Hogla und Bet-Araba und damit noch in relativer Nähe zu Jericho zu suchenden Ort liegt Ḫirbet el-Marǧame zu weit nordwestlich von Jericho (ca. 18 km entfernt). Weniger ins Gewicht fällt dagegen das Argument, dass Ḫirbet el-Marǧame nach den Grenzbeschreibungen in Jos 16–18 bereits im Territorium des Stammes Efraim liegt. Dasselbe trifft auch auf einige andere Orte aus der ersten Hälfte der Ortsliste Benjamins (Jos 18,21-24) zu. Ob dies auf Verschiebungen des Grenzverlaufs im Laufe der israelitisch-judäischen Königszeit (10.–6. Jh. v.Chr.) oder auf die literarische Gestaltung der Grenzbeschreibungen, die weniger eine genaue Grenzlinie ziehen als einen weiter gefassten Grenzbereich umreissen, zurückzuführen ist, ist nicht abschließend zu entscheiden. Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen ließe sich Ḫirbet el-Marǧame eher mit dem in Jos 18,22 vor Bet-El genannten Ort Zemarajim in Verbindung bringen.

 

 

Autor: Detlef Jericke, 2020; letzte Änderung: 2020-02-14 18:01:03

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • ABD 2 (1992), 496 (NN, Art. Emek-Keziz)
  • NEAEHL 3 (1993), 965f (Mazar, Amihai, Art. Marjameh, Khirbet); 4 (1993), 1364 (Ilan, Zvi / Mazar, Amihai / Amit, David, Art. Shilḥa, Ḥorvat); 5 (2008), 2067f (Eitan, Avraham, Art. Vered Yeriḥo)
  • EBR 7 (2013), 806-807 (Knauf, Ernst Axel, Art. Emek-Keziz); 17 (2019), 919-921 (McKinny, Chris, Art. Marjamah, Khirbet-el)

 

Literatur

Abel, Félix-Marie 1938a , 92 ;  Noth, Martin 1953a , 111 ;  Simons, Jan 1959a , 174 § 327 ;  Schunck, Klaus-Dietrich 1962a , 153-158 ;  Dever, William G. 1972aEitan, Avraham 1983aKallai, Zecharia 1986a , 400 ;  Fritz, Volkmar 1994a , 184 ;  Mazar, Amihai 1995aMazar, Amihai u.a. 1996aRösel, Hartmut N. 2011a , 295 ;  McKinny, Chris 2015aMcKinny, Charles Christopher 2016a , 317-320 ;  Kolska Horwitz, Liora u.a. 2018a