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Gihon, Strom

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Giḥon

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

גיחון gîḥôn. Γηων. „Hervorbrechendes Wasser“

Belege AT

Gen 2,13

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Γηων (Sir 24,27; Josephus, antiquitates 1,39)
gjḥwn (1QGenAp 21,15.18: Beyer, Klaus 1984a, 179; García Martínez, Florentino / Tigchelaar, Eibert J.C. 1997a, 44; Machiela, Daniel A. 2009a, 79)
Γαιων (Eusebius, Onomastikon 60,3: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 60, Nr. 292)
Geon (Theodosius 16: Geyer, Paulus 1898a, 145; Donner, Herbert 2002a, 203)
gjḥwn (rabbinisch, Targume: Reeg, Gottfried 1989a, 180; Díez Macho, Alejandro 1988a, 14f)

Beschreibung

Der Gihon ist nach der Darstellung der „Paradiesgeographie“ (Gen 2,10−14) der zweite der vier Ströme, in die sich der von Eden ausgehende Strom aufteilt. Der Gihon soll das „ganze Land Kusch“ umfließen (Gen 2,13). Da Eden „im Osten“ miqqædæm liegen soll (Gen 2,8), werden seit einer einflussreichen Studie von Friedrich Delitzsch (Delitzsch, Friedrich 1881a) die in der „Paradiesgeographie“ genannten Toponyme häufig im Zweistromland gesucht. Der Quellbereich des Ḫābūr, des längsten Nebenflusses des Eufrats, wird unter der Voraussetzung vorgeschlagen, dass Eden das westlich des Ḫābūr gelegene aramäische Kleinkönigtum bīt-adini meint (Lemaire, André 1981a). Daneben werden Gewässer im südlichen Mesopotamien für eine Gleichsetzung mit dem Gihon erwogen, etwa der aus dem Zagrosgebirge kommende und in den Šaṭṭ el-‘Arab, das gemeinsame Delta von Eufrat und Tigris, mündende Fluss Kerḫa, der neuassyrisch ūlāja und in Dokumenten der griechisch-römischen Zeit Eulaios heißt (Hölscher, Gustav 1949a, 35−44; Dietrich, Manfried 2001a), oder einer der vom Unterlauf des Eufrat abzweigenden Kanäle (Delitzsch, Friedrich 1881a). In diesem Fall muss jedoch das „Land Kusch“ als „Land der Kassiten“ (neuassyrisch kaššū; griech. Kossaioi) interpretiert werden, das im persischen Bergland nördlich von Babylonien zu suchen ist. Ein solches Verständnis ist ohne Anhaltspunkt in der Tradition, da Kusch in der alttestamentlichen Überlieferung und in anderen altorientalischen Dokumenten sonst immer Nubien (Äthiopien) meint, eine in Ostafrika südlich des ersten Nilkatarakts gelegene Region. Bleibt man bei der gut begründeten Gleichsetzung von Kusch mit Nubien und versteht die Wendung miqqædæm in Gen 2,8 als Zeitangabe („am Anfang, ursprünglich“; vgl. Ps 74,12; Ps 77,6), so muss Gihon in Gen 2,13 den Oberlauf des Nils bezeichnen. Die Verbindung von Gihon mit dem Nil bezeugt schon LXX, die in Jer 2,18 für hebr. šiḥôr, womit augenscheinlich der Nil gemeint ist, Γηων wie in Gen 2,13 für Gihon übersetzt. Auch Sir 24,27, Josephus und Eusebius bringen den Gihon von Gen 2,13 mit dem Nil in Verbindung. Nach dem Jubiläenbuch erstreckt sich die von Sem bewohnte Region im Südwesten bis zum Gihon, wobei an eine Lage südlich von Ägypten gedacht ist (Jub 8,15.22f). Naheliegend erscheint deshalb der Vorschlag, die beiden ersten Flüsse der „Paradiesgeographie“, den Pischon und den Gihon, mit den beiden Quellflüssen des Nils, dem Blauen und dem Weißen Nil, zu identifizieren (Albright, William Foxwell 1922a; Cassuto, Umberto 1961a, 114−121). Die Existenz der Quellflüsse war von der Antike bis in die Neuzeit hinein zwar prinzipiell bekannt, ihr genauer Verlauf jedoch nicht erforscht (vgl. Herodot 2,28-34). Daher verwendet die „Paradiesgeographie“ symbolische Namen, die sich von den Wurzeln pwš „springen, sprudeln“ und gjḥ/gwḥ „hervorbrechen“ herleiten lassen. Da Kusch westlich von Hawila gedacht ist, wo der Pischon fließen soll, kommt für eine Gleichsetzung mit dem Gihon der westlichere der beiden Quellflüsse, der Weiße Nil, in Frage. Dieser kommt aus Uganda in Äquatorialafrika, fließt dann durch den Victoria-See und vereinigt sich bei Khartum (al-Ḫarṭūm), der Hauptstadt des heutigen Sudan, mit dem Blauen Nil. Die „Paradiesgeographie“ versucht somit, die beiden großen Kulturregionen der im 1. Jt. v.Chr. bekannten Welt − das Nilland und Mesopotamien − mittels zweier Flusspaare zu beschreiben. Die beiden Quellflüsse des Nil, Pischon und Gihon, bilden ein literarisches Äquivalent zu Tigris und Eufrat. Gleichzeitig werden durch die Homonymie zur der bei Jerusalem gelgenen Wasserstelle Gihon (Gihon, Quelle; 1Kön 1,33; 1Kön 1,38; 1Kön 1,45; 2Chr 32,30; 2Chr 33,14) die Stadt und ihr Gelände mit in die Weltbeschreibung einbezogen. Dies war einer der Ansatzpunkte, dass Eden bzw. der Gottesgarten ab der hellenistischen Zeit mit dem Jerusalemer Tempelbezirk gleichgesetzt werden konnte, so im Jubiläenbuch (Ruiten, Jacques T.A.G.M. van 1999a) und ansatzweise schon in der Überlieferung von der Tempelquelle Ez 47,1−12. Explizit geht dann die auf den Archidiakon Theodosius zurückgeführte Pilgererzählung (6. Jh. v.Chr.) von der Identität des Paradiesstroms und der Wasserstelle bei Jerusalem aus: Geon inrigat terram Euilath et transit iuxta Hierusalem (Geyer, Paulus 1898a, 145;, „der Geon bewässert das Land Euilath und fließt nahe an Jerusalem vorbei”, Donner, Herbert 2002a, 203).

[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:08:15

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 1 (1962), 571 (Ringgren, Helmer, Art. Gihon)
  • NBL 1 (1991), 842f (Görg, Manfred, Art. Gihon)
  • ABD 2 (1992), 1018f (Görg, Manfred, Art. Gihon); 2 (1992), 281ff (Wallace, Howard N., Art. Eden)
  • LThK3 4 (1995), 646 (Schwank, Benedikt, Art. Gihon)

 

Literatur

Delitzsch, Friedrich 1881aAlbright, William Foxwell 1922aKönig, Eduard 1925a , 209-215 ;  Hölscher, Gustav 1949a 35-44 ;  Speiser, Ephraim Avigdor 1959aCassuto, Umberto 1961a 114-121 ;  Gispen, Willem H. 1966aWestermann, Claus 1974a , 297f ;  Lemaire, André 1981aHögemann, Peter u.a. 1987aSpeiser, Ephraim Avigdor 1994aSoggin, Jan Alberto 1997bStordalen, Terje 2000a 280f ;  Dietrich, Manfried 2001aJericke, Detlef 2013a , 29-31 ;  Kügler, Joachim 2015a