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Awim

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Avvim

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

העוים hāʿawwîm. Αιιν (LXXB), Αυιν (LXXA)

Belege AT

Jos 18,23

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Αὐειμ (Eusebius, Onomastikon 28,3: Notley R. Steven / Safrai, Zeʾev 2005a, 30, Nr. 99; Timm, Stefan 2017a, 31 Zeile 6, Nr. 99)

Beschreibung

Im Textzusammenhang von Jos 18,21-28 ist hāʿawwîm ein „sonderbarer Ortsname“ (Noth, Martin 1953a, 108). Grammatikalisch ist der Ausdruck ein masculinum Plural, bezeichnet also eine Menschengruppe. Da größere „Volks“-Gruppen im Alten Testament meist mit nisbe-Formen bezeichnet werden (z.B. hakkenaʿa „der/die Kanaaniter“, hajebûsî „der/die Jebusiter“), könnten die hāʿawwîm die Bewohner eines Orts meinen. In dieser Weise ist der Ausdruck noch mehrfach belegt. So sollen hāʿawwîm „Awiter“ in kleinen Ortschaften (haṣerîm) in der Gegend von Gaza bzw. der Philisterstädte gewohnt haben, bevor sie von den „Kaftoritern“, also von Seevölkergruppen vertrieben wurden (Dtn 2,23; Jos 13,3). Diese Awiter haben aber höchstwahrscheinlich nichts mit den hāʿawwîm von Jos 18,23 zu tun, die zu Benjamin gerechnet werden und demnach im zentralen Bergland vorzustellen sind. Eine weitere Gruppe, die als hāʿawwîm bezeichnet wird, sind Menschen aus Awa (ʿawwāʾ), die vom assyrischen Herrscher Sargon II. am Ende des 8. Jh. v.Chr. in Samaria (Samaria, Landschaft) angesiedelt wurden (2Kön 17,24; 2Kön 17,31). Ob Awa bei Homs (Ḥimṣ) in Nordsyrien oder an der Grenze zwischen Babylonien und Elam am Rand des südlichen Zweistromlands gesucht werden soll, ist umstritten. Unklar ist auch, ob es sich bei dem ʿiwwāh (EÜ „Awa“) genannten Ort, der ebenfalls im Zweistromland liegen soll (2Kön 18,34; 2Kön 19,13; Jes 37,13), um den gleichen Platz handelt. Unabhängig von der Lokalisierung des Orts Awa wird mitunter erwogen, den Ausdruck hāʿawwîm von Jos 18,23 so zu verstehen, dass sich Teile der von Sargon II. angesiedelten Awiter im traditionell Benjamin zugerechneten Territorium niederließen (Naʾaman, Nadav 1991a, 24f = Naʾaman, Nadav 2005a, 352). Wenn die Ortsliste von Jos 18,21-28 in die späte Königszeit (späte 8. bis 6. Jh. v.Chr.) oder gar in die nachkönigliche Zeit (6.–4. Jh. v.Chr.) datiert wird, erscheint eine solche These plausibel.
Meist wird jedoch angenommen, dass die hāʿawwîm von Jos 18,23 die Einwohner von Ai bzw. die Bewohner der spät- und nachkönigszeitlichen Nachfolgesiedlung Aja (Jes 10,28; 1Chr 7,28; Neh 11,31) bezeichnen sollen (Noth, Martin 1953a, 108; Boling, Robert G. / Wright, G. Ernest 1984a, 430; Kallai, Zecharia 1986a, 401; ABD 1, 531; McKinny, Charles Christopher 2016a, 324–326). Da der Ausdruck hāʿawwîm in Jos 18 nach Bet-El  (Jos 18,22) und vor Para und Ofra (eṭ-Ṭayyibe) steht, ist zumindest eine gedachte Lage auf dem Bergland östlich von Bet-El vorauszusetzen. Da Ai (et-Tell) südöstlich von Bet-El liegt, erscheint die genannte These begründet. Sofern man jedoch für Jos 18,21–28 eine Entstehungszeit im oder nach dem 8. Jh. v.Chr. voraussetzt, wie dies meist der Fall ist, bereitet der archäologische Befund Schwierigkeiten, der für et-Tell nach der Eisenzeit I (12.–10. Jh. v.Chr.) keine Siedlungstätigkeit mehr ausweist. Noth greift daher zu der Vermutung, dass die Bewohner von Ai nach der Zerstörung ihres Orts weiterhin in kleineren Siedlungen in der Umgebung wohnten (Noth, Martin 1953a, 108). McKinny dagegen schlägt vor, die hāʿawwîm von Jos 18,23 als die Einwohner von Ḫirbet Ḥayyān zu verstehen, wo Aja mitunter lokalisiert wird (McKinny, Charles Christopher 2016a, 325).
Koenen erwägt, Awim mit der Ḫirbet Abū Musarraḥ gleichzusetzen, einer kleinen Ortslage ca. 7 km nordöstlich von Jerusalem, die ausweislich des Oberflächenbefunds in der Eisenzeit sowie in hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit besiedelt war (WiBiLex, Art. Para, 2.; vgl. http://survey.antiquities.org.il/index_Eng.html#/MapSurvey/63/site/12845, Map 102, Site Num 593). Die Beschreibung der sichtbaren Reste deutet allerdings darauf, dass es sich nicht um eine Siedlung, sondern eher um einen landwirtschaftlich genutzten Platz handelte. Der Vorschlag beruht im Wesentlichen darauf, dass Awim in Jos 18,23 unmittelbar vor Para genannt und Para gern in der Umgebung der Quelle ʿAin Fāra gesucht wird, die nur ca. 2 km östlich von Ḫirbet Abū Musarraḥ liegt (WiBiLex, Art. Para, 2.). Allerdings spielt die Ḫirbet Abū Musarraḥ meist bei der Lokalisierung von Para eine Rolle. Zudem ist die Verortung von Para bei der ʿAin Fāra kaum aufrecht zu erhalten. Somit ist die These einer Gleichsetzung von Awim mit der Ḫirbet Abū Musarraḥ nicht substantiell begründet.
Unabhängig davon nimmt der zuletzt referierte Vorschlag die Beobachtung auf, das in der frühen Textrezeption der Ausdruck hāʿawwîm nicht als Name einer Menschengruppe, sondern als Ortsname aufgefasst wurde. Die LXX gibt den Namen transkribierend als Αιιν (LXXB) bzw. Αυιν (LXXA) wieder und lässt keine Verbindung zu Ai (im Josuabuch Γαι, sonst Ἀγγαι oder Ἀια), Aja (Γαια oder Ἀγγαι), Awa (Ἀια, 2Kön 17,24) oder den Awitern (οἱ Ευαῖοι) erkennen. Eusebius folgt weitgehend der Deutung der LXX und hält Αὐειμ für einen Ort in Benjamin. Wer daher hāʿawwîm in Jos 18,23 auf Ai, Aja oder Awa beziehen will, muss die frühe Interpretation des Namens außer Acht lassen.   
 

 

Autor: Detlef Jericke, 2020; letzte Änderung: 2020-05-27 13:44:38

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • ABD 1, 531 (Herion, Gary A., Art. Avva); 1, 531f (McGarry, Susan E., Art. Avvim)
  • WiBiLex 2013 (Koenen, Klaus, Art. Para)
  • EBR 3 (2011), 157f (Shipp, R. Mark, Art. Avva, Avvites); 3 (2011), 158f (Shipp, R. Mark, Art. Avvim)

 

Literatur

Noth, Martin 1953a , 75.108 ;  Simons, Jan 1959a , 111.174 §§ 295.327 ;  Boling, Robert G. / Wright, G. Ernest 1984a , 430 ;  Kallai, Zecharia 1986a , 401 ;  Naʾaman, Nadav 1991a , 24f ;  Fritz, Volkmar 1994a , 146.185 ;  Na’aman, Nadav 2005a , 352 ;  Pitkänen, Pekka M.A. 2010a , 270 ;  Rösel, Hartmut N. 2011a , 210.295 ;  McKinny, Charles Christopher 2016a , 37.324–326 ;