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Kadesch-Barnea

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Kadesh-Barnea; Kadesh-barnea; Kades-Barnea; Kades; Kadesch; Kadesh

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

קדש (ברנע) qādeš (barne‘a). Καδης (Βαρνη). „Heiliger (Ort)“

Belege AT

Num 32,8; Num 34,4; Dtn 1,2; Dtn 1,19; Dtn 2,14; Dtn 9,23; Jos 10,41; Jos 14,6-7; Jos 15,3; Kadesch: Gen 14,7; Gen 16,14; Gen 20,1; Num 13,26; Num 20,1; Num 20,14; Num 20,16; Num 20,22; Num 27,14; Num 33,36-37; Dtn 1,46; Dtn 32,51; Jos 15,23; Ri 11,16-17; Ps 29,8

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Καδης (Βαρνη) (Jdt 1,9; Jdt 5,14)
Καδης Βαρνη (Eusebius, Onomastikon 112,8‒12: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 108, Nr. 578)
Cadesbarne (Eucherius 19: Geyer, Paulus 1898a, 130; Donner, Herbert 2002a, 175)
rqm (Targume: Sperber, Alexander 1959a, 243.283; Díez Macho, Alejandro 1974a, 122f.308f; McNamara, Martin / Clarke, Ernest G. 1995a, 172.286)

Beschreibung

Die Namen Kadesch und Kadesch-Barnea werden weitgehend synonym für denselben Ort gebraucht. Darauf weisen die verschiedenen Versionen der Kundschaftererzählung, die einmal Kadesch (Num 13,26), ansonsten Kadesch-Barnea (Num 32,8; Dtn 1–2; Dtn 9,23; Jos 14,6–7) als Ausgangspunkt der Kundschafter nennen. Manche Auslegende nehmen an, der etymologisch unklare Zusatz „Barnea“ solle den Ort von Toponymen gleichen bzw. ähnlichen Namens wie Kadesch am Orontes (2Sam 24,6) oder Kedesch (Jos 12,22 u.ö.) unterscheiden. Vermutlich ist jedoch mit der Bezeichnung Kadesch-Barnea ein bestimmter Siedlungshügel innerhalb eines größeren Gebiets mit Namen Kadesch gemeint (s.u.). Nach alttestamentlicher Darstellung liegt Kadesch(-Barnea) an der Südgrenze des Landes Kanaan (Num 34,4; Jos 15,3; Jos 10,41). Hier sollen die Israeliten während der Wüstenwanderung längere Zeit gelagert haben (Dtn 1,46; Ri 11,17). Von Kadesch(-Barnea) aus werden Kundschafter in die Gegend von Hebron (Num 13–14; Dtn 1) und nach Edom geschickt (Num 20,14; Ri 11,16). Aufgrund der Texte, die Kadesch(-Barnea) an der Grenze zu Edom und in der Nähe des Berges Hor (Hor, Berg) lokalisieren (Num 20,16; Num 20,22), wurde Kadesch(-Barnea) bis in das 19. Jahrhundert, vereinzelt noch im 20. Jahrhundert (Schmidt, Nathaniel 1910a) in der nördlichen Araba gesucht, da der Berg Hor seit byzantinischer Zeit mit dem Ǧebel Hārūn bei Petra identifiziert wird. Bereits Eusebius folgt der genannten Ortstradition. Auch einige Targume identifizieren den Ort mit Petra (Bar-Deroma, Haim 1964a; Reeg, Gottfried 1989a, 592−594). Robinson schlägt ‘Ain el-Wēbe (1680.0030) für die Lokalisierung von Kadesch(-Barnea) vor (Robinson, Edward / Smith, Eli 1841a, 582−584.609−611). Auf den Belegen der rabbinischen Tradition beruht ein neuerer Versuch, zwischen Kadesch in Edom (bei Petra) und Kadesch-Barnea auf der Sinaihalbinsel zu unterscheiden (Ben-Gad HaCohen, David 2010a). Den alttestamentlichen Texten, die Kadesch mit Edom in Verbindung bringen, dürften jedoch territorialgeschichtliche Gegebenheiten aus der Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr. zugrunde liegen, als der edomitisch-arabische Einfluss bis weit in den Negeb und in die südliche Küstenebene Palästinas reichte. Für eine historisch-topographische Auswertung sollten daher eher die Grenzbeschreibungen (Num 34,4; Jos 15,3) herangezogen werden, die eine Lage von Kadesch(-Barnea) am Rand des Negeb oder auf der Sinaihalbinsel (Sinai, Landschaft) voraussetzen. Seit der Entdeckungsreise Trumbulls wird Kadesch(-Barnea) zumeist bei der Oase von ‘Ain Qudēs im Norden der Sinaihalbinsel gesucht (Trumbull, H. Clay 1884a). Dort hat sich die alttestamentliche Namensform erhalten. Mit dem Ausdruck Kadesch ist wahrscheinlich ein größeres Oasengebiet gemeint, das neben ‘Ain Qudēs auch die etwa 10 km nordwestlich gelegene Oase von ‘Ain el-Qudērāt umfasst. So versteht schon Eusebius die Bezeichnung Kadesch(-Barnea) (Καδης Βαρνη) nicht als Orts-, sondern als Geländenamen, wenn er das Toponym als „Wüste“ bezeichnet, „die sich bis zur Stadt Petra erstreckt“ (Onomastikon 112,8: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 108, Nr. 578). ‘Ain el-Qudērāt ist eine äußerst ergiebige Quelle, die ein Oasengebiet von etwa 2,5 km2 bewässert und bis in heutige Zeit den Anbau von Getreide, Obst und Gemüse in einer ansonsten ariden Region ermöglicht. Diese Beobachtungen beruhen auf den Eindrücken, die ich zusammen mit Prof. Dr. Ronny Reich (Haifa/Jerusalem) und meinem im Dezember 2012 verstorbenen Tübinger Kollegen Dr. Andreas Reichert während eines längeren Aufenthalts im Oasengebiet im Frühjahr 1981 gewinnen konnte. Nachdem 1982 Teile der Sinaihalbinsel vom Staat Israel an Ägypten abgegeben wurden, verläuft die militärisch gesicherte Staatsgrenze durch das Oasengebiet. Daher ist zu vermuten, dass sich die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen für die lokalen Beduinen in den vergangenen dreißig Jahren verändert haben.
Oberflächenuntersuchungen ergaben eine teilweise intensive Besiedlung beider Oasen in der Frühen und Mittleren Bronzezeit sowie von der Eisenzeit II bis in die frühislamische Zeit. Meist handelt es sich um Agglomerationen von Steinkreisen oder um Reste einräumiger Gebäude, die als saisonal genutzte landwirtschaftliche Anlagen nomadischer Gruppen interpretiert werden. Trotz intensiver archäologischer Arbeit in dem Gebiet der beiden Oasen wurden keine Reste aus der Spätbronzezeit (15.–13. Jh. v.Chr.) und aus der Eisenzeit I (12./11. Jh. v.Chr.) entdeckt. Die Erzählungen, die einen längeren Aufenthalt der Israeliten in Kadesch(-Barnea) während der Wüstenwanderungszeit voraussetzen, gründen demnach auf historischen Gegebenheiten des 1. Jahrtausends v.Chr. In der Eisenzeit II (10.–6. Jh. v.Chr.) existierte für einige Jahrhunderte eine dauerhafte Siedlung. Im Zentrum der Besiedlung stand der Tell el-Qudērāt in der Oase von ‘Ain el-Qudērāt. Im 10. Jh. v.Chr. befand sich dort eine kleine, kreisförmig oder oval angelegte Siedlung mit einem maximalen Durchmesser von 27 m. Im ausgehenden 8. Jh. v.Chr. wurde eine rechteckige, ca. 60 x 40 m messende Festungsanlage mit Eck- und Seitentürmen errichtet, die bis in das 6. Jh. v.Chr. hinein existierte. Ihre Fundamente waren massiv gemauert, der Aufbau bestand aus Kasemattenmauern. Im Süden der Anlage befand sich eine Zisterne mit einem Durchmesser von etwa 10 m. Daher ist die Festung als eine Straßenstation zu verstehen, die Durchreisende mit Wasser und Proviant versorgte. Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt lag im Altertum etwa 6 km westlich von ‘Ain el-Qudērāt bei el-Quṣēme (0895.0089). Hier kreuzten sich die Verbindungswege vom Roten Meer zum Mittelmeer und vom palästinischen Kulturland nach Ägypten. Die festungsartige Straßenstation auf dem Tell el-Qudērāt dürfte vermutlich mit dem Toponym Kadesch-Barnea gemeint sein. Die zusammengesetzte Namensform wird vornehmlich in deuteronomistisch geprägten Texten verwendet (Num 32,8; Num 34,4; Dtn 1–2; Dtn 9,23; Jos 10,41; Jos 14,6–7; Jos 15,3). Die Anfänge einer vom Buch Deuteronomium geprägten Erzählweise alttestamentlicher Texte sind in der späten judäischen Königszeit (720 bis 586 v.Chr.) zu vermuten, also in der Zeit, zu der auf dem Tell die festungsartige Straßenstation existierte.
[Detlef Jericke, 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:04:49

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 2 (1964), 917–918 (Elliger, Karl, Art. Kades)
  • TRE 17 (1988), 509–510 (Bernhardt, Karl-Heinz, Art. Kadesch)
  • NBL 2 (1995), 421−423 (Reichert, Andreas/Görg, Manfred, Art. Kadesch)
  • ABD 4 (1992), 1-3 (Manor, Dale W., Art. Kadesh-Barnea)
  • NEAEHL 3 (1993), 843–847 (Cohen, Rudolph, Art. Kadesh-Barnea. The Israelite Fortress)
  • LThK3 5 (1996), 1123 (Reichert, Andreas, Art. Kadesch-Barnea)
  • RGG4 4 (2001), 729 (Na’aman, Nadav, Art. Kadesh [Barnea])
  • WiBiLex 2008 (Schipper, Friedrich, Art. Kadesch-Barnea)

 

Literatur

Robinson, Edward / Smith, Eli 1841a , 582−584.609−611 ;  Trumbull, H. Clay 1884aGuthe, Herrmann 1885aLagrange, Marie-Joseph 1896aSchmidt, Nathaniel 1910aWoolley, Charles Leonard / Lawrence, Thomas E. 1914/1915a , 62–71 ;  Savignac, Antoine-Raphaël 1922aVaux, Roland de 1938aAbel, Félix-Marie 1938a , 412 ;  Simons, Jan 1959a , 135−137.214 §§ 311.359 ;  Aharoni, Yohanan 1961aBar-Deroma, Haim 1964aDothan, Moshe 1965aDavies, Graham I. 1972aBuis, Pierre 1974aDe Geus, Cornelis Hendrik Jan 1977aDavies, Graham I. 1979a , 85–91 ;  Fuhs, Hans Ferdinand 1979aLemaire, André / Vernus, Pascal 1980aCohen, Rudolph 1981bCohen, Rudolph 1981aReichert, Andreas 1982aCohen, Rudolph 1982aCohen, Rudolph 1982bKeel, Othmar / Küchler, Max 1982a , 177–185 ;  Lemaire, André / Vernus, Pascal 1983aReichert, Andreas 1983aHaiman, Moti 1984aBailey, Clinton 1984a , 47.50f ;  Aharoni, Yohanan 1984a , 72 ;  Kellermann, Mechthild u.a. 1985aCohen, Rudolph 1985aLemaire, André / Vernus, Pascal 1988aWeippert, Helga 1988a , Register ;  Kellermann, Diether 1991aBieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991aKellermann, Diether u.a. 1992aKnauf, Ernst Axel 1992aSvensson, Jan 1994a , 33 ;  Tsafrir, Yoram u.a. 1994a , 94 ;  Ussishkin, David 1995aJericke, Detlef 1997a , 79–110 ;  MacDonald, Burton 2000a , 68f ;  Schmitt, Götz 2001aOblath, Michael D. 2004a , 142–145 ;  Gaß, Erasmus 2005a , 492−494 ;  Cohen, Rudolph / Bernick-Greenberg, Hannah 2007aSinger-Avitz, Lily 2008aGilboa, Ayelet u.a. 2009aBryce, Trevor 2009a , 492−494 ;  Assis, Elie 2009aBen-Gad HaCohen, David 2010aFinkelstein, Israel 2010aRoskop, Angela R. 2011a , 252–272 ;  Jericke, Detlef 2013a , 126–128 ;  Ussishkin, David u.a. 2015aMcKinny, Charles Christopher 2016a , 52f ;