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Negeb

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Negev

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

הנגב hannægæb. Ναγεβ, ’έρημος, νότος, λίψ. „Trockenland, Südland“

Belege AT

Gen 12,9; Gen 13,1; Gen 13,3; Gen 20,1; Gen 24,62; Num 13,17; Num 13,22; Num 13,29; Num 21,1; Num 33,40; Dtn 1,7; Dtn 34,3; Jos 10,40; Jos 11,16; Jos 12,8; Jos 15,21; Ri 1,9; 1Sam 27,10; 1Sam 30,1; 1Sam 30,14; 2Sam 24,7; Jes 21,1; Jes 30,6; Jer 13,19; Jer 17,26; Jer 32,44; Jer 33,13; Ez 21,2‒3; Ez 47,19; Ez 48,28; Ob 1,19‒20; Sach 7,7; Ps 126,4; 2Chr 28,18

Belege aus altorientalischen Dokumenten

ngb (ägyptisch [Liste Thutmoses III., Nr. 57; Schoschenk-Liste, Nr. 84.90.92]: Simons, Jan 1937a, 180.184; Aharoni, Yohanan 1984a, 165; Aḥituv, Shmuel 1984a, 148; Wilson, Kevin A. 2005a, 122−124; Hannig, Rainer 2006a, 1159)

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Ναγεβ (Eusebius, Onomastikon 136,14: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 129, Nr. 726)

Beschreibung

Da „Negeb“ im Hebräischen auch zur Bezeichnung der Himmelsrichtung „Süden“ verwendet wird, ist an einzelnen Belegstellen nicht sicher zu entscheiden, ob diese Bedeutung intendiert oder die Region des Negeb gemeint ist. Deutlich schlägt sich dies in der LXX-Übersetzung nieder, wo unsystematisch neben dem transkribierenden Ausdruck Ναγεβ auch die Termini νότος „Süden“, λίψ „Südwesten“ und ’έρημος „Wüste“ verwendet sind. Letzten Endes spielt die Unterscheidung zwischen Himmelsrichtung und Region keine entscheidende Rolle, da der Negeb aus Sicht der Bewohner des palästinischen Kulturlands im Süden lag und dementsprechend „Südland“ war. Nach alttestamentlicher Darstellung liegt der Negeb zwischen dem palästinischen Kulturland und Ägypten (Gen 12,9; Gen 13,1; Gen 13,3; Gen 20,1; Num 13,17; Num 13,22). Verschiedene Texte nennen den Negeb als Teilregion Judas neben dem Bergland und der Schefela (Schefela, Juda; Dtn 1,7; Jos 10,40; Jos 11,16; Jos 12,8; Ri 1,9; Jer 17,26; Jer 32,44; Jer 33,13). Jos 15,21-32 gibt eine Liste der judäischen Orte im Negeb. Aus Jos 15,21 ist jedoch ersichtlich, dass die Ortsliste nur den Anteil Judas am Negeb, nicht jedoch die gesamte Ausdehnung des biblischen Negeb beschreibt, da der südliche Bereich zu Edom gerechnet wird. Die wenigen identifizierbaren Orte der Liste liegen im Wādī es-Seba (Beerscheba/Tell es-Seba‘ 1343.0726, Jos 15,28) oder weiter westlich am Wādī eš-Šerī‘a (Horma/Tell el-Ḫuwēlife/Tel Ḥalīf? 1373.0879, Jos 15,30; Ziklag/Tell eš-Šerī‘a 1196.0889, Jos 15,31), also an der Nordgrenze des Negeb. Die Südgrenze wird im Alten Testament bei Kadesch(-Barnea), d.h. im Quelloasengebiet von ‘Ain el-Qudērāt (0946.0067) und ‘Ain Qudēs (1005.9991) gesehen (Ez 47,19; Ez 48,28). Die alttestamentliche Beschreibung weicht vom modernen Gebrauch ab, nach dem der Negeb ein Landdreieck bildet, das im Norden durch Gaza und das Südende des Toten Meers (Salzmeers) abgesteckt ist und im Süden bis zum Golf von ‘Aqaba reicht. Die am Roten Meer zu suchenden Orte Elat und Ezjon-Geber sind im Alten Testament nie mit dem Negeb in Zusammenhang gebracht. Die Differenzen sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die alttestamentlichen Texte sich auf das für Siedlungen geeignete Gebiet beschränken. Der Negeb ist größtenteils eine Wüstenregion. Die Lebensbedingungen werden von Nordwesten nach Südosten hin zunehmend schwieriger. Im nordwestlichen Teil, im Bereich des Wādī eš-Šerī‘a, ist in regenreichen Jahren Landwirtschaft ohne oder mit nur geringer künstlicher Bewässerung möglich. Außerdem sind die dort zu findenden fruchtbaren Lössböden vorteilhaft für den Anbau. Im Nordost-Negeb, d.h. im Einzugsgebiet des Wādī es-Seba , übersteigen die jährlichen Niederschlagsmengen praktisch nie Werte von 200–250 mm und erreichen so nicht die für Regenfeldbau notwendige Marke von 300 mm. Im Bergland des Zentralnegeb zwischen Beerscheba und Kadesch(-Barnea) liegen die Werte bei durchschnittlich 100 mm. In diesem Gebiet ist Anbau demnach nur in geringem Umfang bei hohem technischem Aufwand für die Bewässerung möglich. Im Altertum wurde dazu seit dem 3. Jt. v.Chr. ein System vom Dämmen, Kanälen und terrassierten Feldern entwickelt, das in byzantinischer Zeit perfektioniert wurde. Allerdings betrug das Verhältnis von bebauten Feldern zu der Fläche, die für das Auffangen und die Kanalisation des Regenwassers benötigt wurde, durchschnittlich 1:20, so dass Anbau lediglich für den Eigenbedarf kleiner Ansiedlungen möglich war. Eine Ausnahme bildete das Quelloasengebiet von Kadesch(-Barnea), das durch zwei ergiebige Quellen bewässert werden konnte. Südlich von Kadesch(-Barnea) sinken die durchschnittlichen Jahresniederschläge auf 50 mm oder weniger. In diesem Gebiet ist kein organisches Leben möglich. Die schwierigen Lebensbedingungen im Negeb brachten es mit sich, dass die Region nur zeitweise von den Kleinkönigtümern im Süden Palästinas kontrolliert wurde, größtenteils jedoch Lebensraum nomadischer Gruppen war. So kennt das Alte Testament neben Juda (1Sam 27,10; 2Sam 24,7; 2Chr 28,18), Simeon (Jos 19,1–9; 1Chr 4,39–43) und den Keretern (1Sam 30,14) – gemeint sind die Philister, die aus Kaftor/Kreta kommen sollen (Am 9,7) – noch die Amalekiter (Num 13,29; 1Sam 30,1), die Jerachmeeliter und Keniter (1Sam 27,10) sowie die Kalebiter (1Sam 30,14) als Bewohner des Negeb. Durch den Negeb führten wichtige Handelswege vom palästinischen Kulturland bzw. vom Mittelmeer nach Ägypten oder Arabien wie die Skorpionensteige (Num 34,4; Jos 15,3; Ri 1,36), der „Weg nach Schur“/Darb eš-Šūr (Gen 16,7) oder der „Weg nach Gaza“/Darb el-Ġazze (Jericke, Detlef 1997a, 57−67; Schmitt, Götz 2001a). Daher war die Kontrolle des Negeb für die vorderasiatischen Großmächte von Interesse. Verschiedene ägyptische Pharaonen (Thutmoses III., Schoschenk) waren militärisch aktiv, die neuassyrischen Könige setzten auf die Kooperaation mit den im Negeb lebenden Nomaden. Aus persischer Zeit sind „Araber“, d.h. nomadische Gruppen, im Negeb östlich von Gaza bezeugt, die Kambyses bei dessen Ägyptenfeldzug im Jahr 525 v.Chr. unterstützten (Herodot 3,4f). Die ältesten archäologisch nachweisbaren Siedlungsspuren im Negeb stammen aus dem Paläolithikum und aus dem Neolithikum. Im Chalkolithikum (4. Jt. v.Chr.) bestanden Siedlungen im Nordwest-Negeb und im Gebiet um Beerscheba. Eine erste urbane Siedlungsphase ist aus der Frühbronzezeit (3. Jt. v.Chr.) nachgewiesen, als in Arad (Tell ‘Arād 1620.0767) eine städtische Anlage entstand, die mit kleineren, wahrscheinlich saisonal genutzten Siedlungen im zentralen Negeb und auf der Sinaihalbinsel (Sinai, Landschaft) in Kontakt stand. Auch aus der Mittelbronzezeit I (Ende 3. Jt. v.Chr.) sind kleine offene Siedlungen im Zentralnegeb nachgewiesen. Dagegen beschränkt sich die aus der Mittelbronzezeit II archäologisch nachweisbare Siedlungstätigkeit auf den nordwestlichen Negeb und auf einzelne Anlagen im Nordost-Negeb (Ḫirbet el Mšāš 1467.0691, Tell el-Milḥ 1525.0695). In der Spätbronzezeit und der Eisenzeit I war nur der Nordwest-Negeb dauerhaft besiedelt. Erst aus der frühen Eisenzeit II (10./9. Jh. v.Chr.) sind wieder offene Siedlungen im zentralen Negeb bezeugt. Diese wurden zunächst als „Festungen“ interpretiert und mit Aktivitäten Salomos zum Schutz der Südgrenze Judas in Zusammenhang gebracht. Wahrscheinlicher ist jedoch die Deutung als saisonal genutzte landwirtschaftliche Anlagen, die meist ringförmig auf einer Hügelkuppe angelegt wurden, um die Abhänge und die Täler für Bewässerungsanlagen und Felder zu nutzen. Im 9. Jh. v.Chr. entstanden befestigte Anlagen und städtische Siedlungen im Nordost-Negeb (Arad, Tell el- Milḥ, Beerscheba). Gegen Ende der Eisenzeit II (8.–6. Jh. v.Chr.) wurde die Siedlungstätigkeit im gesamten Negeb verstärkt, u.a. wurde in Kadesch-Barnea (Tell el-Qudērāt 0946.0067) eine große befestigte Straßenstation errichtet. Aus persischer Zeit sind aus dem Nordost-Negeb und aus dem Zentralnegeb einige wachturmartige Gebäude bekannt, die vermutlich auch als Straßenstationen dienten. Während in der Eisenzeit II das Kleinkönigtum Juda zumindest zeitweise Gebiete im nordöstlichen Negeb kontrollierte (Jos 15,21–32), gehörte die Region spätestens seit persischer Zeit nicht mehr zur Provinz Juda. Ab dem 4. Jh. v.Chr. bildetete sie zusammen mit Teilen der Schefela die Verwaltungseinheit Idumäa. Eine intensive Besiedlung des Negeb brachte die nabatäische Zeit ab dem 2. Jh. v.Chr. und die spätrömische Zeit ab dem 3./4. Jh. n.Chr., als die Region zunächst zur Provinz Arabia und ab 390 n.Chr. zur Provinz Palaestina III Salutaris gehörte. Der Siedlungshöhepunkt in der Antike lag in byzantinischer Zeit, als die Möglichkeiten zur künstlichen Bewässerung im Zentralnegeb optimiert wurden. Neben einer Vielzahl landwirtschaftlicher Anlagen wurden städtische Siedlungen ausgebaut, die teilweise bereits in nabatäischer Zeit existierten (u.a. Elousa/el-Ḫalaṣa 1170.0563, Mampsis/Kurnub 1560.0482, Nessana/‘Auǧā el-afīr 0956.0319, Oboda/‘Abde 1285.0222).

 

Autor: Detlef Jericke, 2016; letzte Änderung: 2019-10-14 10:51:11

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • NBL 2 (1995), 916 (Röllig, Wolfgang, Art. Negeb)
  • ABD 4 (1992), 1061–1068 (Rosen, Steven A. / Beit-Arieh, Itzhaq / Negev, Avraham, Art. Negeb)
  • NEAEHL 3 (1993), 1119–1145 (Goring-Morris, Nigel / Cohen, Rudolf, Art. Negev)
  • LThK3 7 (1998), 726–727 (Wenning, Robert, Art. Negeb)
  • WiBiLex 2011 (Jericke, Detlef, Art. Negev)

 

Literatur

Woolley, Charles Leonard / Lawrence, Thomas E. 1914/1915aPerrot, Jean 1955aAharoni, Yohanan 1958aPerrot, Jean 1959aGlueck, Nelson 1959bGlueck, Nelson 1959aRothenberg, Beno u.a. 1961aGlueck, Nelson 1961aAharoni, Yohanan 1967aRothenberg, Beno 1967aMarx, Emanuel 1967aNegev, Avraham 1976aAharoni, Yohanan 1976aCohen, Rudolph 1979aOrni, Efraim / Efrat, Elisha 1980a , 15-34 ;  Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a , 138–149 ;  Evenari, Michael u.a. 1982aHerzog, Ze’ev 1983aPerrot, Jean 1984aFinkelstein, Israel 1984aAharoni, Yohanan 1984a , 26f.31f ;  Kellermann, Mechthild u.a. 1985aFinkelstein, Israel 1986aAxelsson, Lars E. 1987aBeit-Arieh, Itzhaq 1988aFinkelstein, Israel 1988aCohen, Rudolph 1988aWeippert, Helga 1988a , Register ;  Bieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991aKellermann, Diether u.a. 1992aKarmon, Yehuda 1994a , 255–270 ;  Herzog, Ze’ev 1994aHaiman, Moti 1994aJericke, Detlef 1997aSinger-Avitz, Lily 1999aBienkowski, Piotr / Sedman, Leonie 2001aFinkelstein, Israel 2001aBienkowski, Piotr / van der Steen, Eveline 2001aCohen, Rudolph / Cohen-Amin, Rebecca 2004aHerzog, Ze’ev 2006aBienkowski, Piotr / Galor, Katharina 2006aBryce, Trevor 2009a , 501f ;  Meshel, Zeev 2009aLehmann, Gunnar u.a. 2010aErickson-Gini, Tali 2010aLevin, Yigal 2010aNa’aman, Nadav 2011aDagan, Amit 2011aHaiman, Moti 2012aJericke, Detlef 2013a , 100‒103 ;  Martin, Mario A.S. / Finkelstein, Israel 2013aTebes, Juan Manuel 2014aBen-Shlomo, David 2014cTebes, Juan Manuel 2015aHöhn, Stefan 2017aBen-Dor Evian, Shirley 2017aAvner, Uzi 2018aFinkelstein, Israel 2018aSaidel, Benjamin Adam u.a. 2019aGolan, Karni 2019a