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Gerar

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

גרר gerār. Γεραρα

Belege AT

Gen 10,19; Gen 20,1f; Gen 26,1; Gen 26,6; Gen 26,8(LXX); Gen 26,17; Gen 26,19(LXX); Gen 26,20; Gen 26,26; 1Chr 4,39(LXX); 2Chr 14,12–13

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Γεραρα (Josephus, antiquitates 1,207.259f; 8,294; Prokopios von Gaza, In Genesin X: MignePG 87, 309)
Γεραρα/Γεραριτικη (Eusebius, Onomastikon 60,7–14; 168,1–3: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 60f.156f)
Γεραρα/Γεραρηνων σαλτον (Theodoret von Kyrrhos, quaest. in II Paralip. XIV,13−15: MignePG 80, 828A)
Γεραρα/σαλτον ’ωνόμασται Γεραριτικον (Prokopius von Gaza, Comentarii in lib. II. Paralip. XIV,14: MignePG 87/1, 1212)
Γεραρα/Γεραριτικον σαλτον (Mosaikkarte von Mādebā: Donner, Herbert 1992a, 71f)
Σαλτων Γεραϊτικος ’ήτοι Βαρσαμων (Georgios Kyprios 1027: Gelzer, Heinrich 1890a, 52)
*grrjqj (rabbinisch: Reeg, Gottfried 1989a, 198f)
grr (Targume: Díez Macho, Alejandro 1988a, 64f)

Beschreibung

Gerar ist im Alten Testament und in nachbiblischen Schriften als Name eines Orts bzw. einer Landschaft genannt. In der älteren Forschung wurde Gerar versuchsweise mit dem in der Ortsliste Thutmoses III. (Nr. 80) genannten ägyptischen Toponym krr und mit dem in einem Amarnabrief (EA 256,23) erwähnten Land gari bzw. garu identifiziert (Alt, Albrecht 1932a; Noth, Martin 1938a = Noth, Martin 1971b, 44−73). Krr und gari sind jedoch im Norden Palästinas zu suchen und daher nicht mit Gerar in Zusammenhang zu bringen (Aharoni, Yohanan 1956a; Belmonte Marín, Juan Antonio 2001a, 78; Hannig, Rainer 2006a, 1198). Die Mehrzahl der alttestamentlichen Belege zu Gerar findet sich im Buch Genesis. Der syntaktisch schwierige Vers Gen 10,19 lässt sich so verstehen, dass der Ort an der Südgrenze Kanaans in der Gegend von Gaza (Ġazze 0995.1015/Tell Ḥarube 0995.1022) liegen soll (V.19a). Da gleichzeitig die südöstliche Erstreckung Kanaans mit dem Südende des Toten Meers (Salzmeer) angegeben ist (V.19b) und dieses südlicher als Gaza liegt, sollte Gerar südlich der Höhe von Gaza im Hinterland der Stadt gesucht werden. Die Angaben führen in die Region des Nordwest-Negeb zwischen Gaza und Beerscheba, die durch fruchtbare Lössböden und in Ost-West-Richtung verlaufende Trockentäler geprägt ist. Im Altertum war die Region wegen ihrer verkehrsstrategischen Lage am Verbindungsweg von Ägypten nach Syrien-Palästina („Weg ins Philisterland“, Ex 13,17; ägyptisch „Horusweg“) von überregionaler Bedeutung. Auch aus den Erzählungen zu Abraham und Isaak geht hervor, dass Gerar im Negeb lag (Gen 20,1). Der Ort gehörte zu einem Gebiet, dessen Kontrolle von Philistern beansprucht wurde (Gen 26). Gerar lag demnach westlich außerhalb des judäischen Territoriums, allerdings nicht allzu weit vom judäischen Bergland entfernt, da die philistäische Herrschaft nicht unbestritten blieb und Gerar von Juda aus relativ gut erreichbar war (2Chr 14,12–13). Mit dem „Tal von Gerar“ (Gen 26,17) könnte eines der Trockentäler des Nordwest-Negeb gemeint sein, da zwischen den Hirten von Gerar und den Hirten Isaaks Streit aufkommt um die Nutzung von Grundwasserbrunnen (Gen 26,20), deren Kontrolle für das wirtschaftliche Überleben notwendig war. Für nomadische Gruppen war die Region wegen der fruchtbaren Böden und der teilweise noch für Regenfeldbau ausreichenden Niederschläge, möglicherweise auch wegen der Nähe zu größeren Städten attraktiv (1Chr 4,39). Nach den archäologischen Befunden war der Nordwest-Negeb im 2. und 1. Jt. v.Chr. geprägt von dem Nebeneinander großer befestigter Städte und offener, teilweise nur saisonal genutzter Siedlungsplätze (Jericke, Detlef 1997a, 240–255; Niemann, Hermann Michael 2013a). Die Region entspricht somit den alttestamentlichen Vorstellungen zu Gerar. Für die Lagebestimmung des Orts ist die Lokalisierung des „Grenzbachs Ägyptens“ (Num 34,5 u.ö.), der die Grenze zwischen Kanaan und Ägypten markieren soll, ein erster Anhaltspunkt. Zumindest bis in das 7. Jh. v.Chr. wurde wahrscheinlich das bei Gaza in Mittelmeer mündende Wādī Ġazze/Naḥal Beśor als „Grenzbach Ägyptens“ angesehen, erst später wurde das weiter südlich verlaufende Wādī el-‘Arīš so benannt (Jericke, Detlef 2013a, 143–145). Daher wäre es möglich, das Wādī Ġazze als „Tal von Gerar“ zu bestimmen und einen der großen Siedlungshügel dieses Tals mit Gerar gleichzusetzen. Der von Petrie und Galling versuchsweise vorgeschlagene Tell Ǧemme (0971.0888) liegt ca. 10 km südlich von Gaza (Petrie, William M. Flinders 1928a; Galling, Kurt 1929a). Tell Ǧemme erscheint allerdings zu weit westlich gelegen für Razzien und nomadische Bewegungen vom judäischen Bergland aus, wie dies die Überlieferungen von 1Chr 4 und 2Chr 14 voraussetzen. Dagegen wäre der Tell el-Fār‘a Süd (1006.0770) ein möglicher Kandidat für die Lokalisierung von Gerar (Musil, Alois 1908, 245; Kellermann, Diether u.a. 1992a; Schmitt, Götz 1995a, 167-169). Im 2. Jt. v.Chr. stand hier eine befestigte Stadt, am Übergang vom 2. zum 1. Jt. v.Chr. war Tell el-Fār‘a Süd zunächst ein ägyptischer Stützpunkt und anschließend eine philistäisch geprägte Siedlung, über deren Aussehen allerdings noch nichts Genaueres bekannt ist. Gleiches gilt für die Besiedlung im 9.–7. Jh. v.Chr., die durch Grabfunde, Gebäudereste und Keramik nachgewiesen ist. Tell el-Fār‘a Süd liegt allerdings ca. 25 km südlich von Gaza und ist daher selbst bei großzügiger Auslegung nur schwer mit den Vorstellungen von Gen 10,19 in Einklang zu bringen. Mit dem „Tal von Gerar“ könnte auch das weiter nördlich verlaufende und bei Tell Ǧemme in das Wādī Ġazze einmündende Wādī eš-Šerī’a/Naḥal Gerar gemeint sein, das zumindest in der rezenten neuhebräischen Namensgebung die alttestamentliche Bezeichnung aufnimmt. Für die Lokalisierung von Gerar kommen zwei große Siedlungshügel in Frage, der ca. 24 km südöstlich von Gaza und ca. 20 km nordwestlich von Beerscheba (Bīr es-Seba‘ 1304.0720/Tell es-Seba‘ 1343.0726) am Nordufer des Wādī eš-Šerī‘a zu findende Tell eš-Šerī‘a (1196.0889) und der ca. 7 km weiter westlich gelegene Tell Abū Ḥurēre (1126.0879). Tell eš-Šerī‘a ist der am weitesten östlich gelegene große Siedlungshügel des Nordwest-Negeb und befindet sich daher im anzunehmenden Grenzgebiet philistäischer und judäischer Ansprüche (Alt, Albrecht 1935a). Die Lage von Tell eš-Šerī‘a entspricht zudem den Entfernungsangaben des Eusebius, der Gerar 25 Meilen von Eleutheropolis (Bēt Ǧibrīn 1402.1128) entfernt lokalisiert (Abel, Félix-Marie 1938a, 330f). Auch der archäologische Befund, der eine städtische Anlage in der zweiten Hälfte des 2. Jt. v.Chr., philistäische Präsenz im 11./10. Jh. v.Chr. und eine durch Zitadellen befestigte große Siedlung ab dem 8. Jh. v.Chr. ausweist, würde eine Gleichsetzung mit Gerar stützen. Allerdings wird Tell eš-Šerī‘a heute meist mit Ziklag identifiziert, einem Ort, der nach alttestamentlicher Überlieferung David vom Philisterkönig von Gat (Tell eṣ-Ṣāfī 1359.1237) als Lehen zur Verfügung gestellt wird (1Sam 27,6). Somit bleibt für eine einigermaßen zuverlässige Lokalisierung von Gerar der Tell Abū Ḥurēre (Welten, Peter 1973a, 129–140; Bieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991a; ABD 2 (1992), 989–991; NEAEHL 2 (1993), 580–584; DNP 4 (1998), 949; Jericke, Detlef 1997a, 41.243–247; WiBiLex 2009 [Kellenberger, Edgar, Art. Gerar]). Der am Nordufer des Wādī eš-Šerī‘a ca. 20 km südöstlich von Gaza gelegene Tell ist der größte Siedlungshügel des Nordwest-Negeb. Im 2. und 1. Jt. v.Chr. befand sich hier eine befestigte Stadtanlage. Aus der Mittelbronzezeit II (17./16. Jh. v.Chr.) wurde ein Tempelbezirk freigelegt. Auch in der Übergangszeit vom 2. zum 1. Jt. v.Chr. war die Siedlung teilweise befestigt. Für diese Zeit ist philistäische Präsenz nachgewiesen. Insofern entspricht der Tell Abū Ḥurēre den Voraussetzungen, die aus den alttestamentlichen Belegen zu erschließen sind: er liegt südöstlich von Gaza am Ostrand des philistäischen Kerngebiets und war sowohl in der erzählten Zeit (2. Jt. v.Chr.) als auch in der Erzählzeit (1. Jt. v.Chr.) eine große befestigte Stadt. Gegen eine Gleichsetzung des Siedlungshügels mit Gerar kann kaum eingewandt werden, dass die Angaben des Eusebius mit dieser Lokalisierung nicht in Deckung zu bringen sind. Der Kirchenvater kennt zwar eine nach dem alttestamentlichen Toponym genannte Landschaft Γεραριτικη, Gerar als Ortsname ist ihm jedoch nur mehr aus der biblischen Überlieferung bekannt. Die Angabe, Gerar liege 25 Meilen von Eleutheropolis, dürfte daher lediglich ein ungefährer Wert sein. Auch in weiteren spätantiken Schriften ist Gerar nur mehr als Landschaftsname bzw. als Name der Domäne Γεραριτικον σαλτον/saltus Gerariticus belegt, die − wie der alttestamentliche Ort − in der Region zwischen Gaza und Beerscheba zu lokalisieren ist (Wagner, Jörg / Rademacher, Rochus 1988a; Tsafrir, Yoram u.a. 1994a, 220f).

 

Autor: Detlef Jericke, 2015; letzte Änderung: 2019-10-03 17:19:21

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BRL (1937), 179f
  • NBL 1 (1991), 792 (Görg, Manfred, Art. Gerar)
  • ABD 2 (1992), 989ff (Oren, Eliezer D., Art. Gerar)
  • NEAEHL 2 (1993), 580–584 (Oren, Eliezer D., Art. Haror, Tel); 4 (1993), 1329–1335 (Oren, Eliezer D., Art. Sera‘, Tel)
  • LThK3 4 (1995), 494f (Hübner, Ulrich, Art. Gerar)
  • DNP 4 (1998), 949 (Knauf, Ernst Axel, Art. Gerar[a])
  • WiBiLex 2009 (Kellenberger, Edgar, Art. Gerar)
  • EBR 11 (2015), 325-326 (Zukerman, Alexander, Art. Haror, Tel); 13 (2016), 880-881 (Ben-Shlomo, David, Art. Jemmeh, Tell)

 

Literatur

Thomsen, Peter 1907a , 51 ;  Musil, Alois 1908a , 245 ;  Petrie, William M. Flinders 1928aAlt, Albrecht 1929aGalling, Kurt 1929aAlt, Albrecht 1931aAlt, Albrecht 1932aAlt, Albrecht 1935aAlt, Albrecht 1937aNoth, Martin 1938aAbel, Félix-Marie 1938a , 330f ;  Aharoni, Yohanan 1956aAlt, Albrecht 1968b , 382−396.396−409.409−435.435−450.460−472 ;  Alt, Albrecht 1968a , 396–409 ;  Noth, Martin 1971b , 69 ;  Welten, Peter 1973a , 129-140 ;  Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a , 134-137 ;  Aharoni, Yohanan 1984a , 166 ;  Wagner, Jörg / Rademacher, Rochus 1988aBieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991aKellermann, Diether u.a. 1992aJericke, Detlef / Schmitt, Götz 1993aTsafrir, Yoram u.a. 1994a 132f.220f ;  Schmitt, Götz 1995a , 167-169 ;  Oren, Eliezer D. / Yekutieli, Yuval 1996aReich, Ronny 1996aJericke, Detlef 1997a , 41. 243−247 ;  Belmonte Marín, Juan Antonio 2001a , 78 ;  Hannig, Rainer 2006a , 1198 ;  Bryce, Trevor 2009a , 290f ;  Niemann, Hermann Michael / Lehmann, Gunnar 2010aFinkelstein, Israel 2011aKnauf, Ernst Axel / Niemann, Hermann Michael 2011aBen-Shlomo, David 2012aJericke, Detlef 2013a , 56−59 ;  Ben-Shlomo, David 2014aBen-Shlomo, David / Van Beek, Gus W. 2014aNiemann, Hermann Michael 2015a , 9-22 ;  Lehmann, Gunnar u.a. 2018aNaʾaman, Nadav 2019b