Universität Heidelberg | Theologische Fakultät Trier
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Seïr

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Se’ir; Seir; Edom

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

שעיר śe‘îr. Σηιρ. „das Haarige“

Belege AT

Gen 14,6; Gen 32,4; Gen 33,14; Gen 33,16; Gen 36,8–9; Gen 36,20; Gen 36,30; Num 24,18; Dtn 1,2; Dtn 1,44; Dtn 2,1; Dtn 2,4–5; Dtn 2,8; Dtn 2,12; Dtn 2,22; Dtn 2,29; Dtn 33,12; Jos 11,17; Jos 12,7; Jos 24,4; Ri 5,4; Jes 21,11; Ez 25,8; Ez 35,2–3; Ez 35,7; Ez 35,7; 1Chr 4,42; 2Chr 20,10; 2Chr 20,22–23; Personenname: Gen 36,21; 1Chr 1,38; 2Chr 25,11; 2Chr 25,14

Belege aus altorientalischen Dokumenten

s‘r(r) (ägyptisch: Giveon, Raphael 1971a, 74–77. 134–137 Doc. 16a und Doc. 38; Weippert, Manfred 1971a, 31f.36; Edel, Elmar 1980a, 68; Aḥituv, Shmuel 1984a, 169; Hannig, Rainer 2006a, 1181)
*šēri/*šēru? (akkadisch: Weippert, Manfred 1971a, 37–50; Belmonte Marín, Juan Antonio 2001a, 269)
sa’arri (neuassyrisch: Parpola, Simo 1970a, 297; Bagg, Ariel M. 2007a, 205)

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Σαειρα (Josephus, antiquitates 1,336; 2,1)

Beschreibung

Der früheste Beleg für Seïr datiert aus dem 14. Jh. v.Chr. und stammt aus einem Brief des Stadtfürsten Abdi-Hepa von Jerusalem an die Kanzlei des Pharao Amenophis IV/Echnaton (EA 288: HTAT, 138−141, Nr. 057.). Abdi-Hepa beklagt sich über den drohenden Verlust des „ganzen Landes“. Was in diesem Zusammenhang mit der Angabe „Länder von šēru“ gemeint ist, bleibt etwas unklar. Zieht man die EA 288,26 genannten Toponyme šēru/Seïr und Gintikirmil zum nachfolgenden Text und übersetzt „bis hin zu den Ländern von Šēru, bis nach Ginti-Kirmil ist man Freund mit allen Stadtherren“ (HTAT, 139-140), so ist mit den beiden Ortsangaben die gesamte Ausdehnung der kanaanäischen Provinz Ägyptens (Kanaan) angedeutet. Seïr bezeichnet demnach die südliche bzw. südöstliche, Gintikirmil entsprechend die nördliche bzw. nordwestliche Grenze der Provinz. Diese Annahme ist von daher wahrscheinlich als Gintikirmil einem sonst nicht bezeugten hebräischen *Gat-Karmel entspricht und daher in der Nähe des Karmelgebirges (Karmel, Gebirge) zu suchen ist. Ein weiterer Amarnabrief (EA 289; HTAT, 141f, Nr. 058) erwähnt Menschen von Gintikirmil in Bet-Schean (Tell el-Ḥuṣn 1975.2123), einem nördlichen Stützpunkt des pharaonischen Ägypten in Kanaan. Zieht man die Toponyme in EA 288,26 syntaktisch jedoch zum vorhergehenden Text und übersetzt „there is war against me, as far as the lands of Seir (and) as far as Gath-carmel“ (Vgl. ANET3 , 488f), so heißt dies entweder, dass sich alle Stadtfürsten Kanaans gegen Jerusalem verbündet haben, oder dass das Gebiet Jerusalems von šēri/Seïr bis nach Gintikirmil reicht. Beide Annahmen sind historisch unwahrscheinlich. Jerusalems Gebiet reichte im 2. Jt. v.Chr. zu keiner Zeit bis in die Nähe des Karmelgebirges. Ebenso ausgeschlossen ist die Gleichsetzung von Gintikirmil mit dem judäischen Karmel/Ḫirbet Kirmil (1628.0925; Jos 15,55; Karmel, Juda) und diejenige von šēri/Seïr mit dem nördlich benachbarten Ort Si‘īr (1637.1102), wie sie Knauf (Knauf, Ernst Axel 1988b, 64) vorschlägt. Die Lage Gintikirmils im Norden Palästinas ist durch EA 289 erwiesen. Zudem wäre der Hinweis auf Verhältnisse in einem solch kleinräumigen Gebiet, wie es dasjenige zwischen Si‘īr (vielleicht Seïr, Juda; Jos 15,10) und Ḫirbet Kirmil darstellt, nicht geeignet, dem Pharao militärische Kontingente zum Schutz Jerusalems zu entlocken. Daher dürfte mit den „Ländern von šēri“ in EA 288,26 etwa die Region gemeint sein, die auch das Alte Testament als Seïr bzw. Gebirge Seïr kennt, die Bergländer im Süden Transjordaniens und im östlichen Negeb. Die ägyptischen Belege aus dem 13. und 12. Jh. v.Chr. kennen Edom und Seïr als Regionen, in denen Schasu-Nomaden leben (HTAT, 179‒194): Teile der Sinai-Halbinsel (Sinai, Landschaft), der östliche Negeb und das südliche Transjordanien. Edom und Seïr scheinen in diesen Dokumenten noch unterschiedliche Regionen zu bezeichnen. Die „Schasu von Seïr“ sind häufiger erwähnt. Ramses III. führt eine militärische Aktionen gegen sie durch (HTAT, 193f, Nr. 083). Das könnte mit den Interessen der ramessidischen Pharaonen am Kupferbergbau in der südlichen Araba bei Timna‘/Ḫirbet Munē‘iye (1448.9107) zusammenhängen. Dann wäre unter Seïr die Araba mit den angrenzenden Bergländern zu verstehen. Die „Schasu von Edom“ werden während einer Dürreperiode in das östliche Nildelta eingelassen, um an Wasserstellen zu gelangen (HTAT, 171−173, Nr. 067). Diese friedliche Einigung legt nahe, unter Edom ein Gebiet zu verstehen, mit dem die Ägypter keine wirtschaftlichen Interessen verknüpften, vermutlich das edomitische Kernland im Süden Transjordaniens. Die alttestamentlichen Texte verwenden Edom und Seïr nahezu sinngleich. Beide Ausdrücke werden sowohl zur Bezeichnung einer Region („Land Edom“ ’æræṣ ’ædōm, „Gebirge Seïr“ har śe‘īr) als auch zur Bezeichnung einer Menschengruppe gebraucht, vgl. den Ausdruck „Kinder Seïrs“ benê śe‘īr (Gen 36,21; 1Chr 1,38; 2Chr 25,11; 2Chr 25,14). Zumeist wird Seïr jedoch als Gebietsbezeichnung gebraucht. Dtn 1 und Dtn 2 lassen eine gewisse Differenzierung erkennen. Die Israeliten wandern von Kadesch (Dtn 1,46) in die Wüste auf dem „Weg zum Schilfmeer“ und umgehen dabei das „Gebirge Seïr“ (Dtn 2,1). Dann wenden sie sich nach Norden (Dtn 2,2-3) und durchziehen das Gebiet der „Kinder Esau“, die in „Seïr“ wohnen. Unter der Voraussetzung der akzeptierten Lokalisierung von Kadesch(-Barnea) bei ‘Ain el-Qudērāt/‘Ain Qudēs (Kadesch-Barnea) im Negeb scheint der speziellere Terminus „Gebirge Seïr“ das Bergland westlich der Araba einschließlich des östlichen Negeb zu benennen, während der Allgemeinbegriff „Seïr“ das Bergland östlich der Araba meint. S. auch Edom
[Detlef Jericke, 2016]
 

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 18:57:34

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 3 (1966), 1760 (Rüger, Hans-Peter, Art. Seir)
  • 5 (1984), 828 (Helck, Wolfgang, Art. Se’ir)
  • NBL 1 (1991), 467–468 (Knauf, Ernst-Axel, Art. Edom und Seïr)
  • ABD 5 (1992), 1072–1073 (Knauf, Ernst-Axel, Art. Seir)
  • EBR 7 (2013), 403-413 (Mellish, Kevin / Lockshin, Martin, Art. Edom, Edomites)

 

Literatur

Abel, Félix-Marie 1933a , 281–285 ;  Simons, Jan 1959a , 23−25.257f.403 §§ 68.435.1113 ;  Weippert, Manfred 1971aKellermann, Mechthild u.a. 1985aKellermann, Diether u.a. 1992aSchmitt, Götz 2001aJericke, Detlef 2013a , 180–184 ;  Bienkowski, Piotr 2014a