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Goschen

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Goshen

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

גשן gošæn. Γεσεμ, Ἡρωων πολις

Belege AT

Gen 45,10; Gen 46,28-29; Gen 46,34; Gen 47,1; Gen 47,4; Gen 47,6; Gen 47,27; Gen 50,8; Ex 8,18; Ex 9,26

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Γεσεμ (Jdt 1,9)
Ἡρωωυ πολις (Josephus, antiquitates 2,184; Eusebius, Onomastikon 94,11: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 91, Nr. 470)
Gesse / Iesse (Etheria 7,1.8f; 9,4−6: Geyer, Paulus 1898a, 46−50; Röwekamp, Georg / Thönnes, Dietmar 1995a, 148–159; Donner, Herbert 2002a, 94–101)
Heroum civitas / Hero (Etheria 7,7f: Geyer, Paulus 1898a, 48; Röwekamp, Georg / Thönnes, Dietmar 1995a, 152f; Donner, Herbert 2002a, 97f)
Gesen (Epitaphium S. Paulae 14: Donner, Herbert 2002a, 162)

Beschreibung

Das „Land Goschen“ ’æræṣ gošæn bezeichnet das Siedlungsgebiet der Familie Jakobs bzw. der Israeliten in Ägypten. Die alttestamentlichen Belege geben wenig Hinweise zur Lage des Gebiets. Gen 45,10 und Gen 46,29 lassen erkennen, dass Goschen in der Nähe des Aufenthaltsortes Josefs zu denken ist. Dieser ist allerdings nicht näher gekennzeichnet. Möglicherweise ist eine der Residenzstädte Unterägyptens gemeint, entweder die Stadt Ramses (Qanṭīr/Tell ed-Dab‘a) oder eine der späteren Residenzen wie Pi-Beset/Boubastis (Tell el-Basṭa). Die LXX-Übersetzung weist in das östliche Nildelta. An einzelnen Stellen gibt sie gošæn mit Γεσεμ Ἀραβια(ς) (Gen 45,10; Gen 46,34) oder mit Ἡρωων πολις (Gen 46,28–29) wieder. „Arabia“ meint in diesem Zusammenhang den 20. unterägyptischen Bezirk am Ostrand des Nildeltas (Helck, Wolfgang 1974a, 197f ). Ἡρωωυ πολις ist der griechische Name von Pitom, das vermutlich auf Tell el-Mašḫūṭa am Nordrand des Wādī eṭ-Ṭumīlāt, also ebenfalls im östlichen Nildelta, zu lokalisieren ist. Auch die Angaben der Pilgerin Etheria führen in das östliche Nildelta, wobei ihre Darstellung von der LXX-Überlieferung beeinflusst sein dürfte. Etheria erzählt sowohl von einer „Heroum civitas“ (Ἡρωωυ πολις), die auch „Hero“ genannt wird und 16 Meilen vom „Land Iesse“ entfernt am Nil liegt (7,7f), als auch von der „civitas Arabia“, die vier Meilen von Ramesse (Ramsesstadt) entfernt ist (7,9–8,1). Die aus den genannten Dokumenten zu erschließende Lokalisierung von Goschen/Gesem im östlichen Nildelta spricht für eine Gleichsetzung des Toponyms mit dem ägyptisch Namen gsm, der u.a. in einer Inschrift aus ptolemäischer Zeit belegt ist, die aus dem ca. 12 km südwestlich von Qanṭīr gelegenen Fundplatz Ṣafṭ el-Ḥenne stammt (Helck, Wolfgang 1974a, 197f; Gomaà, Farouk 1987a, 127−129). Allerdings ist die Lesart der betreffenden Hieroglyphenkombination und somit auch die philologische Verbindung zu Goschen/Gesem umstritten (Engel, Helmut 1979a, 50−52; ABD 2 [1992], 1076–1077; Görg, Manfred 1997a, 135f). Ein weiteres Problem ist die Frage, wie sich das in Ägypten lokalisierte „Land Goschen“ zu dem gleichnamigen Toponym von Jos 10,41 und Jos 11,16 verhält. Im Josuabuch kennzeichnet das „Land Goschen“ die Südgrenze des von Josua und den Israeliten eroberten Gebiets, mithin eine Region im Süden Palästinas. Wenn das ägyptische und das palästinische Goschen gleichgesetzt werden, könnte jeweils eine Verbindung zu dem Namen Geschem vorliegen, der einen in persischer Zeit (5./4. Jh. v.Chr.) bezeugten Fürsten der arabischen Kedar bezeichnet (Neh 2,19; Neh 6,1; Neh 6,2; Neh 6,6). Das „Land Goschen“ ist in diesem Fall als Umschreibung des von Geschem kontrollierten Gebiets zu verstehen (Rabinowitz, Isaac 1956a; Redford, Donald B. 1987a, 139f ). Nach den alttestamentlichen Belegen lag Geschems Einflussgebiet südlich der persischen Provinz Juda, also im südlichen Bergland Palästinas und v.a. im Negeb östlich von Gaza. „Geschem, der König der Kedar“ ist allerdings auch in einer Inschrift auf einer Silberschüssel aus Tell el-Mašḫūṭa genannt und somit an dem Ort bezeugt, dessen griechischer Name Ἡρωων πολις von LXX für Goschen bzw. Gesem verwendet wird (Rabinowitz, Isaac 1956a ). Ein weiterer epigraphischer Beleg ist aus Nordwestarabien (Dedan/el-‘Ula) bekannt. Geschem kontrollierte demzufolge die wichtige Handelsroute, die von Arabien durch den Negeb nach Gaza führte, und die Hauptverbindungsstraße von Gaza nach Ägypten, die am Nordrand der Sinai-Halbinsel (Sinai, Landschaft) bis zum östlichen Nildelta verlief. Die These einer Verbindung zwischen dem v.a. in der Josefgeschichte genannten „Land Goschen“ und dem Gebiet Geschems setzt die Annahme voraus, dass die Josefgeschichte geschichtliche Verhältnisse der frühen hellenistischen (ptolemäischen) Zeit spiegelt, als einzelne judäische Familien zunehmend wirtschaftlichen Einfluss in Alexandria gewannen. In einem solchen Verstehenszusammenhang greift die Erzählung auf historisch-topographische Gegebenheiten der persischen Zeit zurück und weist das vormals von Geschem kontrollierte Gebiet unter der Bezeichnung „Land Goschen“ als Siedlungsgebiet Jakobs/Israels aus.

[Detlef Jericke 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:06:47

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 1 (1962), 585 (Krause, Martin, Art. Goschen)
  • NBL 1 (1991), 903 (Görg, Manfred, Art. Goschen)
  • ABD 2 (1992), 1076–1077 (Ward, William A., Art. Goshen)
  • EBR 10 (2015), 671-672 (Römer, Thomas, Art. Goshen)

 

Literatur

Abel, Félix-Marie 1938a , 339 ;  Rabinowitz, Isaac 1956aSimons, Jan 1959a , 243–246 § 419 ;  North, Robert 1967a , 80–86 ;  Dumbrell, William J. 1971a , 80–86 ;  Helck, Wolfgang 1974a , 197f ;  Engel, Helmut 1979a , 50−52 ;  Waldmann, Helmut 1983aWaldmann, Helmut 1985aSeibert, Jakob 1985aHögemann, Peter / Buschmann, Kai 1986aWaldmann, Helmut / Rademacher, Rochus 1987aHögemann, Peter u.a. 1987aGomaà, Farouk 1987a , 127−129 ;  Redford, Donald B. 1987a , 139f ;  Cazelles, Henri 1987a , 233–239 ;  Görg, Manfred 1997a , 135f ;  Lemaire, André 1999aTimm, Stefan 1999aSchmitt, Götz 2001aKunz, Andreas 2003aOblath, Michael D. 2004a , 88–94 ;  Lemaire, André 2006aJericke, Detlef 2013a , 238–240 ;