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Grenzbach Ägyptens

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Bach Ägyptens; Brook of Egypt; River of Egypt; Wadi of Egypt

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

נחל מצרים naḥal miṣrajim. χειμαρρος, ποταμος Αιγυπτου

Belege AT

Gen 15,18 (?); Num 34,5; Jos 15,4; Jos 15,47; 1Kön 8,65; 2Kön 24,7; Jes 27,12; 2Chr 7,8

Belege aus altorientalischen Dokumenten

naḫal muṣur (neuassyrisch: Parpola, Simo 1970a, 256; Fuchs, Andreas 1994a, 452; Tadmor, Hayim 1994a, 178f; Bagg, Ariel M. 2007a, 291)

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

ποταμος Αιγυπτου (Jdt 1,9)
nhr mṣrjm (1QGenAp 21,11: Beyer, Klaus 1984a, 179; García Martínez, Florentino / Tigchelaar, Eibert J.C. 1997a, 44; Machiela, Daniel A. 2009a, 79)
nhr mṣrjm (rabbinisch: Reeg, Gottfried 1989a, 435f)

Beschreibung

Der Grenzbach Ägyptens kennzeichnet die Südwestgrenze Judas (Jos 15,4; 1Kön 8,65) bzw. Kanaans (Num 34,5). Bis zum Grenzbach Ägyptens erstreckt sich der Machtbereich der Großmächte des Zweistromlands (2Kön 24,7; Jes 27,12). Entsprechend ist das Toponym mehrfach in neuassyrischen Königsinschriften des 8./7. Jh. v.Chr. als Markierung des südwestlichen Grenzbereichs der assyrischen Hegemonieansprüche in Palästina genannt. Ein Text aus der Zeit Sargons II. setzt voraus, dass Rafia (Rafaḥ 079.077) südlich des Grenzbachs auf ägyptischem Territorium liegt (Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a, 102; Hooker, Paul K. 1993a). Daher sollte der Grenzbach Ägyptens mit dem nördlich von Rafaḥ verlaufenden Wādī Ġazze und nicht mit dem südwestlich des Ortes sich erstreckenden Wādī el-‘Arīš identisch sein. Für die nördliche Ansetzung spricht auch eine Angabe in den Annalen Asarhaddons mit der Erwähnung der Stadt Arza am Grenzbach Ägyptens (TUAT 1, 397). Arza ist wahrscheinlich auf Tell Ǧemme (0971.0888) zu finden. Der Ruinenhügel liegt unmittelbar am Wādī Ġazze. Die Siedlung war im 8./7. Jh. v.Chr. befestigt. Außerdem wurden Gebäudereste mit Lehmziegelgewölben freigelegt, die für assyrische Bauten als charakteristisch gelten. Die alttestamentlichen Belege sind weniger deutlich. Gen 10,19 nennt die nördlich des Wādī Ġazze gelegene Stadt Gaza, um die südwestliche Erstreckung Kanaans zu markieren, ohne jedoch den Grenzbach Ägyptens zu erwähnen. Jos 15,47 stellt eine Verbindung zwischen dem Grenzbach Ägyptens und Gaza her. Dabei ist jedoch das Stadtterritorium als Ganzes gemeint, über dessen Ausdehnung nach Süden nichts Genaues bekannt ist. Für eine Gleichsetzung des Grenzbachs mit dem Wādī Ġazze könnte auch Jos 10,41 sprechen, wo die Südgrenze des von Josua eingenommenen Landes von Kadesch-Barnea nach Gaza gezogen wird. Wenn diese Formulierung mit den Grenzbeschreibungen von Num 34,3−5 und Jos 15,2−4 zur Deckung gebracht wird, müsste der dort jeweils nach Kadesch-Barnea und weiteren Orten, die in der Gegend von Kadesch-Barnea lagen (Hazar-Addar, Karka, Azmon), genannte Grenzbach Ägyptens in der Gegend von Gaza, also am Wādī Ġazze zu suchen sein. Gegen eine nördliche Ansetzung spricht die Überlegung, dass die Entfernung von Kadesch-Barnea zum Oberlauf des Wādī el-‘Arīš lediglich ca. 20 km in westlicher Richtung beträgt, während das Wādī Ġazze wesentlich weiter entfernt liegt. Zudem führte bei der Gleichsetzung des Grenzbachs mit dem Wādī Ġazze der Grenzverlauf von Kadesch-Barnea aus nicht nach Westen, sondern nach Norden. Diese Richtungsänderung wiederspricht der Grundausrichtung der Grenzbeschreibung auf das Mittelmeer hin, das auch synonym für die Himmelsrichtung West stehen kann (Jos 15,12). Der deutlichste Beleg für eine südliche Ansetzung beim Wādī el-‘Arīš ist der LXX-Text von Jes 27,12, der den Grenzbach Ägyptens ὁ ποταμός ἕως ‘Ρινοκορούρων „den Fluss, der zu den Bewohnern Rhinokorouras führt“ nennt. Rhinokoroura ist der griechische Name der Stadt el-‘Arīš (036.060). Die Verschiebung der Bezeichnung „Grenzbach Ägyptens“ vom Wādī Ġazze im westlichen Negeb zum weiter südwestlich an der Grenze zwischen Sinai (Sinai, Landschaft) und Nildelta gelegenen Wādī el-‘Arīš muss demnach zwischen dem 7. Jh. v.Chr. und dem Ende des 1. Jt. v.Chr., als der LXX-Text zum Jesajabuch entstand, erfolgt sein. Sie kann auf den Ausbau der Handelskontakte zwischen Assur und Ägypten (Hooker, Paul K. 1993a) oder eher auf die Besetzung Ägyptens durch die persischen Großkönige (Na’aman, Nadav 1979a) zurückzuführen sein. Eine Verschiebung der Grenze zwischen Ägypten und Kanaan zum Ostrand des Nildeltas hin ist indirekt auch in Gen 15,18 zu fassen. Der Text spricht allerdings vom „Strom Ägyptens“ (nehar miṣrajim) in Analogie zum „großen Strom Eufrat“ (hannāhār haggādol nehar-perāt), der in dem Vers als Markierung der Nordausdehnung des Abraham zugesagten Landes dient. Die mitunter vorgeschlagene Textkorrektur zu naḥal miṣrajim ist in der Textüberlieferung nicht belegt. Vielmehr will der Vers die Erstreckung des Abraham zugesprochenen Landes möglichst weit nach Ägypten hinausziehen und suggeriert mit der Bezeichnung „Strom Ägyptens“ den Nil. Für diesen hat das Alte Testament jedoch einen eigenen Namen (haje’or). Mit dem „Strom Ägyptens“ könnte somit allenfalls der östliche (Pelusische) Nilarm gemeint sein. Vermutlich ist die Bezeichnung jedoch eine literarische Angleichung an die Bezeichnung „großer Strom Eufrat“ und benennt nur ungefähr die Grenze zwischen Kanaan und Ägypten.

[Detlef Jericke 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:06:50

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 1 (1962), 189 (Stoebe, Hans-Joachim, Art. Bach Ägyptens)
  • ABD 2 (1992), 321f (Görg, Manfred, Art. Egypt, Brook of); 2 (1992), 378 (Görg, Manfred, Art. Egypt, River of)
  • EBR 7 (2013), 522 (Blischke, Mareike V., Art. Egypt, River of); 7 (2013), 523-524 (Blischke, Mareike V., Art. Egypt, Wadi of)

 

Literatur

Abel, Félix-Marie 1938a , 301 ;  Simons, Jan 1959a , 27 § 70 ;  Sæbø, Magne 1974a , 30f ;  Na’aman, Nadav 1979aNa’aman, Nadav 1980a , 95f.105f ;  Rainey, Anson Frank 1982a , 131f ;  Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a , 101–122 ;  Blum, Erhard 1984a , 382f ;  Kellermann, Mechthild u.a. 1985aNa’aman, Nadav 1986a , 246f ;  Waldmann, Helmut / Rademacher, Rochus 1987aWagner, Jörg / Rademacher, Rochus 1988aWeippert, Helga 1988a , Register ;  Lohfink, Norbert 1991a , 273f ;  Kessler, Karlheinz 1991aBieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991aKellermann, Diether u.a. 1992aFritz, Volkmar 1994a , 159 ;  Jericke, Detlef 1997a , 110.241–244 ;  Na’aman, Nadav 2001b , 264f ;  Jericke, Detlef 2003a , 256f ;  Oblath, Michael D. 2004a , 85–88 ;  Jericke, Detlef 2013a , 143–145 ;  McKinny, Charles Christopher 2016a , 56 ;