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Hazezon-Tamar

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Hazazon-Tamar; Tamar

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

חצצן תמר ḥaṣeṣon tāmār. Ασασανθαμαρ. „Kieshalde mit Palmen“

Belege AT

Gen 14,7; 2Chr 20,2

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

ḥṣṣn tmr (1QGenAp 21,30: Beyer, Klaus 1984a, 181; García Martínez, Florentino / Tigchelaar, Eibert J.C. 1997a, 46; Ziemer, Benjamin 2005a, 51; Machiela, Daniel A. 2009a, 80)
Ασασαν Θαμαρ (Eusebius, Onomastikon 8,6−9: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 8f, Nr. 8)
ḥṣṣwn (rabbinisch: Reeg, Gottfried 1989a, 264)

Beschreibung

Hazezon-Tamar ist im Alten Testament in zwei unterschiedlichen Erzählzusammenhängen erwähnt. Nach Gen 14,7 verwüsten die vier mesopotamischen Großkönige zunächst das „Gebiet der Amalekiter“ (Amalekiter, Gebiet der) und anschließend dasjenige der „Amoriter, die in Hazezon-Tamar wohnen“. Da die Amalekiter in den Wüstengebieten südlich von Palästina gedacht sind und das Toponym „Bergland der Amoriter“ (Dtn 1,7; Dtn 1,19; Dtn 1,20) Teile des Negeb und des südlichen Ostjordanlands umfasst (Jericke, Detlef 2009a), sollte auch Hazezon-Tamar in den Wüstenregionen südlich des palästinischen Kulturlands gesucht werden. 2Chr 20,2 kennt Hazezon-Tamar als Ort, bis zu dem eine Koalition aus Moabitern, Ammonitern und Edomitern bzw. „Mëunitern“ gegen Juda zur Zeit des Königs Joschafat im 9. Jh. v.Chr. vordringt, bevor sie in der Wüste Juda durch ein wunderbares Eingreifen Jhwhs vernichtend geschlagen wird. Der Vers identifiziert Hazezon Tamar mit En-Gedi (Tell el-Ǧurn [1871.0965] bei ‘Ain Ǧidī [1870.0972]) am Westufer des Toten Meers (Salzmeer). Trotz der Annahme, die Gleichsetzung in 2Chr 20,2 sei eine Glosse, versucht Noth (Noth, Martin 1945a), eine plausible Lokalisierung für Hazezon-Tamar in der näheren Umgebung von En-Gedi zu begründen. Er beschreibt eine mit Geröll bedeckte Fläche zwischen dem Ort und dem Ufer des Toten Meers, die den Namen Hazezon-Tamar „Kieshalde mit Palmen“ hervorgebracht haben könnte. Darüber hinaus verweist er auf ein Trockental ca. 10 km nördlich von En-Gedi, das in einem Streckenabschnitt Wādī Ḥaṣāṣa heißt, woraus zu erschließen sei, dass auch die unterste Gebirgsterrasse über dem Toten Meer einmal den Namen el-Ḥaṣāṣa führte, in dem sich die biblische Namensform Hazezon erhalten hat. Noths Vorschläge fanden teilweise Akzeptanz (Weippert, Manfred 1971a, 324−326; Welten, Peter 1973a, 148; Japhet, Sara 2003a, 248). Sie sind innerhalb der topographischen Inszenierung von 2Chr 20 verständlich, da die Vernichtungsaktion Jhwhs in der Wüste Juda gedacht ist, an deren Westrand bei Tekoa sich die Judäer sammeln (2Chr 20,20) und an deren Ostrand bei En-Gedi folglich die feindliche Koalition Aufstellung nimmt. Angesichts der Mischung historisch verifizierbarer (Tekoa/Ḫirbet Teqū‘ 1700.1157) und symbolischer Ortsangaben (Tal Beracha „Segenstal“, 2Chr 20,26) in 2Chr 20 erscheint es jedoch fraglich, ob die Gleichsetzung von Hazezon-Tamar mit En-Gedi historisch-topographisch auszuwerten ist. Zudem bleibt offen, ob die von Noth angeführten arabischen Namen eine alte Ortstradition wiedergeben oder ob sie rezente Bildungen sind. Daher ist der Vorschlag naheliegender, Hazezon-Tamar als Zweitnamen von Tamar (1Kön 9,18; Ez 47,18−19; Ez 48,28) aufzufassen (Simons, Jan 1959a, 98.214 §§ 281.360; Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a, 267–270.416.418; NBL 2 [1995], 60). Bereits Eusebius (Onomastikon 8,6−9) setzt Hazezon-Tamar mit Tamar bzw. seinen antiken Nachfolgesiedlungen gleich, wenn er schreibt, mit Ασασαν Θαμαρ sei das Dorf Thamara gemeint, das eine Tagesreise von Mampsis (Kurnub [1560.0482] im Zentralnegeb) entfernt auf dem Weg von Hebron nach Aïla (el-‘Aqaba [1498.8815] am Nordende des Roten Meers) liegt. Die Identifikation von Hazezon-Tamar mit Tamar gewinnt dadurch an Plausibilität, dass Tamar in den Grenzbeschreibungen von Ez 47-48 jeweils als Fixpunkt vor Meribat-Kadesch genannt ist und somit in ähnlich engem literarisch-topographischen Zusammenhang mit der Oase von Kadesch steht wie das in Gen 14,7 vor Hazezon-Tamar genannte Toponym En-Mischpat. Gen 14,7 führt somit die Linie der auf Kadesch bezogenen Ortsangaben weiter, zumal auch das Gebiet der Amoriter in der Form des „Amoriterberglands“ (Bergland der Amoriter) eng mit dem Oasenort verbunden ist (Dtn 1,19). Allerdings bietet die Textüberlieferung zu Tamar erhebliche Probleme. 1Kön 9,18(ketîb) weist tāmār als ältere Namensform aus. 1Kön 9,18(qe) ersetzt diesen Namen durch tadmor, eine seit hellenistischer Zeit unter dem griechischen Namen Palmyra bekannte Oasenstadt in der syrischen Wüste. Diese Variante ist vermutlich beeinflusst durch die Parallelstelle 2Chr 8,4, die ebenfalls tadmor hat. Sowohl 1Kön 9,18(qe) als auch 2Chr 8,4 verlegen die Bautätigkeit Salomos, von der die Verse erzählen, weit nach Nordosten und interpretieren die Aktivitäten Salomos als Fortsetzung der 2Sam 8,3–12 erzählten Nordexpansion Davids. In Ez 47–48 ist die Textüberlieferung ebenfalls nicht eindeutig. Ez 47,18 hat im masoretischen Text die Verbform tāmoddū „ihr sollt abmessen“, was innerhalb der Grenzbeschreibung notfalls einen Sinn ergäbe (vgl. Ez 45,3). Aufgrund syntaktischer Überlegungen, der LXX-Überlieferung und der Fortsetzung des Texts in Ez 47,19 (vgl. Ez 48,28) ist jedoch die Lesart tāmārāh „nach Tamar“ vorzuziehen. LXX kennt selbst keinen Ort namens Tamar. Die entsprechende hebräische Namensform wird durch Θαιμαν (Ez 47,19; Ez 48,28) – entweder die Landschaft Teman um Bozra/Buṣēra (2077.0170) im südlichen Ostjordanland oder die Richtungsangabe „Süden“ − oder durch die wörtliche Übersetzung φοίνιξ „Palme“ wiedergegeben (Ez 47,18). Die letztgenannte Variante führte mitunter dazu, Tamar mit der als Apposition zu Jericho genannten „Palmenstadt“ (Dtn 34,3; vgl. Ri 1,16; Ri 3,13; 2Chr 28,15) zu identifizieren. Die LXX-Überlieferung scheint insgesamt jedoch keine Anhaltspunkte für historisch-topographische Rückfragen, d.h. für Fragen der Lokalisierung von Tamar bzw. der Gleichsetzung von Tamar mit Hazezon-Tamar (Ασασανθαμαρ), zu bieten. Einigermaßen sicherer Anhaltspunkt für die Lagebestimmung von Tamar sind die Angaben in Ez 47–48, die in die Araba südlich des Toten Meers weisen. In dieser Region liegen zwei Plätze, die für die Lokalisierung von Tamar vorgeschlagen werden: ‘Ain el-Ḥuṣb (neuhebr. ‘Ēn Ḥaṣevāh, 1734.0242) gut 20 km südlich des Toten Meers am Westrand der Araba und ‘Ain el-‘Arūs (1834.0438) unmittelbar südlich des Toten Meers. Die aus den Dokumenten der römisch-byzantinischen Zeit zu erhebenden Angaben weisen mehrheitlich auf ‘Ain el-Ḥuṣb. Die in der Tabula Peutingeriana für die Strecke zwischen Rababatora (er-Rabbe, 2205.0755) im Ostjordanland und Thamaro eingetragene Entfernungsangabe von 69 römischen Meilen (vgl. www.euratlas.net/cartogra/peutinger/) passt zu der Entfernung von er-Rabbe nach ‘Ain el-Ḥuṣb. Die von Eusebius genannte Straße von Hebron nach Aïla ist westlich von ‘Ain el-Ḥuṣb archäologisch nachgewiesen (Jericke, Detlef / Schmitt, Götz 1992a; 1993). Als weitere Information gibt Eusebius an, dass zu seiner Zeit in Thamara ein Militärkastell war. Die Mosaikkarte von Mādebā zeigt Thamara als Kastell südlich des Toten Meers zwischen Mōa (Bīr Maḏkur? 1828.9784) im Süden und Prasidin/Praisidium (el-Fēfe 193.038) im Norden (Donner, Herbert 1992a, 69). Bei einer Ansetzung auf ‘Ain el-‘Arūs wäre Tamar/Thamara nördlich von Prasidin gelegen. Die Art und die zeitliche Sequenz der archäologischen Funde von ‘Ain el-Ḥuṣb entsprechen den literarischen Erwähnungen. Aus der mittleren Eisenzeit II (9./8. Jh. v.Chr.) stammt eine quadratische befestigte Anlage von ca. 100 x 100 m. In der ausgehenden Eisenzeit II (7./6. Jh.) wurde die Anlage verkleinert. Eine Vielzahl kultischer Gefäße, wie sie auch aus dem südlichen Ostjordanland (Edom) oder aus dem Negeb bekannt sind, sowie mehrere kleine Steinaltäre weisen den Ort als wichtige Kult- und Straßenstation auf dem Weg von Arabien oder von der Sinaihalbinsel (Sinai, Landschaft) in das palästinisch-syrische Kulturland aus. Nach einer Besiedlungslücke in persischer und hellenistischer Zeit ist die nabatäische und frührömische Zeit durch Streukeramik vertreten. In spätrömischer Zeit, vom ausgehenden 2. bis zum 4. Jh. n.Chr., wurde wieder eine quadratische Festung (46 x 46 m) mit Ecktürmen errichtet. Dieser angeschlossen waren ein Badehaus und eine Karawanserei. Ein Aquädukt sicherte die Wasserversorgung. Einige landwirtschaftliche Einrichtungen aus spätbyzantinischer und frühislamischer Zeit (6./7. Jh. n.Chr.) runden die antike Besiedlungsgeschichte ab. Dagegen bieten die archäologischen Reste bei ‘Ain el-‘Arūs weit weniger Anhaltspunkte für einen Vergleich mit den literarischen Zeugnissen. Ältere Oberflächenuntersuchungen dokumentieren neben Resten aus der römischen und byzantinischen Zeit auch Streukeramik der Eisenzeit und solche der hellenistischen Zeit. Nachgrabungen bei der unmittelbar an der Quelle gelegenen Fundstelle ergaben eine vom 1. Jh. v.Chr. bis zum 3. Jh. n.Chr. reichende Bebauung. Mitunter wird das ca. 11 km westlich von ‘Ain el-‘Arūs gelegene spätrömische Fort von Qaṣr el-Ǧuḫēnīye (neuhebräisch Meṣad Tāmār, 1731.0485) für eine Gleichsetzung mit Tamar/Thamaro vorgeschlagen (Abel, Félix-Marie 1938a, 475; Simons, Jan 1959a, 98 § 281). Doch auch hier fehlt ein eisenzeitlicher Befund. Das ca. 38 x 38 m messende Kastell mit vier Ecktürmen entspricht in seiner Art der zeitgleichen Anlage von ‘Ain el-Ḥuṣb. Daher sind von archäologischer Seite her keine Präferenzen für eine Gleichsetzung von Tamar mit Qaṣr el-Ǧuḫēnīye gegeben. Vielmehr ist eine Gleichsetzung von Tamar mit ‘Ain el-Ḥuṣb vorzuziehen.

[Detlef Jericke 2016]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:07:17

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 1 (1962), 409 (Milik, Joseph T., Art. Engedi)
  • NBL 2 (1995), 60 (Rauschenbach, Beatrice, Art. Hazezon-Tamar)
  • ABD 3 (1992), 68 (Astour, Michael C., Hazazon-Tamar)
  • NEAEHL 2 (1993), 593–594 (Cohen, Rudolph, 1979Art. Haẓeva, Meẓad); 4 (1993), 1437−1440 (Gichon, Mordechai, Art. Tamar, Meẓad)
  • EBR 11 (2015), 438 (Bibb, Bryan, Art. Hazazon-Tamar)

 

Literatur

Thomsen, Peter 1907a , 67 ;  Abel, Félix-Marie 1938a , 344f.475 ;  Noth, Martin 1945a , 50−55 ;  Simons, Jan 1959a , 98.214 §§ 281.360 ;  Aharoni, Yohanan 1963aWeippert, Manfred 1971a , 324−326 ;  Schatz, Werner 1972a , 174f ;  Welten, Peter 1973a , 148 ;  Mittmann, Siegfried 1977a , 225−233 ;  Keel, Othmar / Küchler, Max 1982a , 267–270.416.418 ;  Kellermann, Mechthild u.a. 1985aWagner, Jörg / Rademacher, Rochus 1988aHadas, Gideon 1990aKellermann, Diether u.a. 1992aJericke, Detlef / Schmitt, Götz 1992aJericke, Detlef / Schmitt, Götz 1993aSchmitt, Götz 1995a , 324f ;  Williams, Peter J. 1997aJaphet, Sara 2003a , 248 ;  Ziemer, Benjamin 2005a , 152 ;  Jericke, Detlef 2009aUssishkin, David 2009aJericke, Detlef 2010a , 99−101 ;  Jericke, Detlef 2013a , 130–133 ;  Gunneweg, Jan / Balla, Marta 2016a