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Bet-Awen

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Bet-Aven ; Beth-Awen ; Beth-Aven

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

בית און bêt ʾāwæn. Βαιθων, ὁ οἶκος Ων „Haus des Unheils“

Belege AT

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Βηθαυν (Eusebius, Onomastikon 50,24: Notley, R. Steven / Safrai, Ze’ev 2005a, 52 Nr. 235; Timm, Stefan 2017a>, 61 Nr. 235)

Beschreibung

Das Toponym Bet-Awen  ist in erzählenden Kontexten (Jos 7,2; 1Sam 13,5; 1Sam 14,23), in der Beschreibung der Nordgrenze des Territoriums des Stammes Benjamin (Jos 18,12) und in Prophetenworten des Hoseabuchs (Hos 4,15; Hos 5,8; Hos 10,5) belegt. Im Hoseabuch ist Bet-Awen („Haus des Unheils“) ein Spott- oder Schimpfname für Bet-El („Haus Gottes“), das aufgrund der von König Jerobeam dort aufgestellten Stierfigur (1Kön 12) aus streng jahwistischer Sicht als ein verachteter Ort gilt. Am deutlichsten bringt dies Hos 10,5 zum Ausdruck. Der Vers spricht abwertend vom „Kalb von Bet-El“ (der masoretische Text hat den Plural ʿæglôt „Kälber“; Singular nach LXX und den Suffixen in den folgenden Sätzen) und spielt damit auf das Stierbild von Bet-El an. Auch Hos 12,5 stützt die Gleichsetzung mit Bet-Awen da die LXX hier ὁ οἶκος Ων für Bet-El schreibt wie sonst für Bet-Awen. Der Name Bet-Awen scheint auf Am 5,5 zu beruhen, wo es heißt, dass dass Bet-El leʾāwæn „zum Unheil“ wird. In der Forschung ist umstritten, ob Bet-Awen auch im Josuabuch und in 1Sam 13-14 als ein Spottname für Bet-El (u.a. Elliger, Karl 1930a, 304f; Noth, Martin 1953a, 38; Simons, Jan 1959a, 270.316.462 §§ 466.675.1459; Schunck, Klaus-Dietrich 1963a, 150.155; Fritz, Volkmar 1994a, 77; Köhlmoos, Melanie 2006a, 22; Knauf, Ernst Axel 2008a, 77 ; Rösel, Hartmut N. 2011a, 111f; Dietrich, Walter 2015a, 26f.42) oder als ein von Bet-El zu unterscheidender Ort zu verstehen ist (Schmitt, Götz 1980a; Kallai, Zecharia 1991a; Koenen, Klaus 2003a, 14‒19; Koenen, Klaus, Art. Bet-Awen, WiBiLex 2007; McKinny, Charles Christopher 2016a, 72-75). Bereits in frühkirchlicher Zeit gab es dazu kontroverse Ansichten. Eusebius referiert lediglich die topographischen Angaben der alttestamentlichen Belege, wenn er schreibt, der Ort gehöre zum Gebiet Benjamins und liege bei Ai und Bet-El, gegenüber Michmas. Demzufolge geht er nicht von der Identität mit Bet-El aus. Hieronymus dagegen fügt in der lateinischen Übersetzung an, dass viele Bet-Awen für denselben Ort wie Bet-El halten. Die neuzeitlichen Vertreter der These, dass Bet-Awen ein eigenständiges Toponym ist, können sich u.a. auf die LXX berufen, die im Josuabuch und in 1Sam 13-14 Βαιθων, im Hoseabuch dagegen ὁ οἶκος Ων „das Haus On“ übersetzt. Ob die letztgenannte Wendung einen solaren Kult für Bet-El unterstellt, indem sie auf den im Nildelta gelegenen Ort On anspielt (Gen 41,45; Gen 41,50; Gen 46,20; Ez 30,17), der in hellenistisch-römischer Zeit Helioupolis („Sonnenstadt“) genannt wurde, bleibt offen.  Die Namensform Βαιθων wird mitunter als Indiz dafür gewertet, dass der Ort urprünglich bêt ʾôn „Haus der Kraft/des Vermögens“ lautete und erst durch die pejorative Verwendung im Hoseabuch auch an den anderen Belegstellen von den Masoreten in bêt ʾāwæn „Haus des Unheils“ umgeändert wurde. Diese Deutung ist aufgrund des in beiden Fällen gleichen Konsonantenbestands möglich. Zudem wird in den erzählenden Kontexten von Jos 7 und 1Sam 13-14 sowie in der Grenzbeschreibung Jos 18 Bet-Awen neben Bet-El genannt, so dass es sich auf den ersten Blick um zwei unterschiedliche Orte zu handeln scheint. Der hebräische Text von Jos 7,2 sagt, Bet-Awen liege bei Ai, östlich von Bet-El. Jos 18 führt die Grenzbeschreibung zu Benjamin von der „Wüste von Bet-Awen“ (EÜ „Weidegebiet von Bet-Awen“) nach Lus / Bet-El weiter (Jos 18,12-13). Nach 1Sam 13,5 lagern sich die Philister in Michmas „östlich von Bet-Awen“, während Saul und seine Kämpfer „auf dem Gebirge von Bet-El“ (1Sam 13,2) sind. Die Textüberlieferung ist zum Teil jedoch komplexer als dies zunächst scheint. LXX lässt in Jos 7,2 die Passage zu Bet-Awen weg und schreibt, Ai liege κατὰ Βαιθηλ „bei Bet-El“. Damit setzt LXX indirekt Bet-Awen mit Bet-El gleich. In der Beschreibung der Südgrenze des „Hauses Josef“ (Jos 16,1-2), die nach der Logik der Landverteilungstexte im Josuabuch der Nordgrenze Benjamins (Jos 18,12-13) parallel verläuft, fehlt der Name Bet-Awen, während die anderen in Jos 18,12-13 erwähnten Toponyme genannt sind. Jos 16,1-2 zählt nach Jericho zunächst die „Wüste“ ohne determinierenden Ortsnamen und anschließend „das Gebirge von Bet-El“ auf. Diese Reihenfolge entspricht eher den im Gelände vorfindlichen Gegebenheiten als der Text von Jos 18,12-13. Insofern kann die Grenzbeschreibung Benjamins in Jos 18 und damit auch die Unterscheidung von Bet-Awen und Bet-El als literarische Konstruktion angesehen werden. In 1Sam 13,5 hat LXX die Richtungsangabe κατὰ νότου „im Süden“ für hebräisch qidmat „im Osten“, um die lokale Relation von Michmas und Bet-Awen zu umschreiben. Allerdings ist die Syntax des griechischen Texts nicht eindeutig in der Frage, ob Michmas südlich von Bet-Awen liegen soll oder umgekehrt. Insofern scheinen die Vorstellungen zur Lage von Bet-Awen hier unklar zu sein. Der Gebrauch des Toponyms in 1Sam 13-14 ist vielmehr literarisch-topographisch zu erklären. Nach 1Sam 13,2 und 1Sam 13,5 lagern sowohl Sauls Kämpfer als auch die Philister bemikmāś „in Michmas“. 1Sam 13,2 setzt hinzu „und auf dem Gebirge von Bet-El“, während 1Sam 13,5 „östlich von Bet-Awen“ hinzufügt. Sauls Leute befinden sich demnach beim „Haus Gottes“ (Bet-El), die Philister beim „Haus des Unheils“ (Bet-Awen). Der nach dem Wortlaut des Texts jeweils gleiche Standort (bemikmāś) wird somit unterschiedlich qualifiziert. Damit ist klar, dass Sauls Leute bzw. deren Gott den Kampf gewinnen, die Philister jedoch verlieren. Folgerichtig taucht das Toponym Bet-Awen bei der Flucht der Philister nochmals auf (1Sam 14,23). Ähnliche Beobachtungen lassen sich zu Jos 7,2 anstellen. Ai soll ʿim-bêt ʾawæn (wörtlich „mit Bet-Awen“) liegen, ist also literarisch eng an das „Haus des Unheils“ angebunden. Damit wird das Schicksal Ais bereits zu Anfang der Erzählung vorweggenommen. Die schwierige Textüberlieferung und die vielfachen Möglichkeiten literarisch-topographischer Erklärungen erschweren eine genauere Lagebestimmung Bet-Awens (oder Bet-Ons, s.o.) aufgrund der alttestamentlichen Belege. Allenfalls ist den Texten zu entnehmen, dass der Ort bei Ai bzw. Michmas liegen soll. Demzufolge ist es bisher nicht gelungen, einen überzeugenden Lokalisierungsvorschlag für Bet-Awen/Bet-On in der vergleichsweise überschaubaren Region zwischen Bet-El/Bētīn (1728.1481) bzw. Ai/et-Tell (1748.1471) im Nordwesten und Michmas/Muḫmās (1763.1422) im Südosten vorzulegen. Die Ortschaft Burqā (1741.1447) liegt zwischen Bētīn und Muḫmās und entspricht damit in etwa den Lageangaben der alttestamentlichen Texte (Albright, William Foxwell 1924a, 141‒149; Stoebe, Hans Joachim 1973a, 244). Allerdings sind bislang keine archäologischen Reste bekannt, die auf eine Besiedlung in alttestamentlicher Zeit weisen (Kochavi, Moshe 1972a, 179 Nr. 99). Die Vorschläge, Bet-Awen entweder mit dem kleinen Siedlungsplatz el-Qaʿda (1717.1476) unmittelbar südwestlich von Bētīn oder eher mit der ca. 3 km südlich von Bētīn gelegenen Ḫirbet Nisīye (1717.1449) gleichzusetzen (McKinny, Charles Christopher 2016a, 73-75), träfen auch in etwa die Lagebeschreibungen der alttestamentlichen Texte. Von el-Qaʿda sind Keramikscherben der Eisenzeit II dokumentiert (Finkelstein, Israel / Magen, Yitzhak 1993a, 514f), die Grabungen auf Ḫirbet Nisīye zeigen einen breiteren Befund von der Bronzezeit bis zur Eisenzeit und zu späteren Epochen (Wood, Bryant G. / Livingston, David P. 1994a; Livingston, David Palmer 2003a; Finkelstein; Israel u.a. 2013b, site num 42 [184]). Ḫirbet Nisīye wird auch bei der Lokalisierung von Ai diskutiert, allerdings ohne nachvollziehbare Begründungen. Allerdings werden die beiden genannten Vorschläge zu Bet-Awen dadurch belastet, dass gleichzeitig die Wüste von Bet-Awen nordöstlich von Bētīn gesucht wird, während Bet-Awen selbst südlich von Bētīn liegen soll (McKinny, Charles Christopher 2016a, 70.75). Der kleine Ort Dēr Dibwān (1758.1464) liegt ca. 4 km nördlich von Muḫmās. Somit entpricht er zumindest der LXX-Tradition zu 1Sam 13,5, wenn diese so gedeutet wird, dass Bet-Awen/Bet-On nördlich von Michmas zu finden ist. Auch die Nähe zu Ai/et-Tell (Jos 7,2) wäre gegeben (Abel, Félix-Marie 1938a, 368). Gegen eine Gleichsetzung mit Bet-Awen/Bet-On spricht der archäologische Befund, der Besiedlungsspuren aus römischer und späterer Zeit aufweist (Finkelstein, Israel 2008a, 13). Außerdem spielt der Platz bei der Lokalisierung von Aja (Neh 11,31), der Nachfolgesidlung Ais in hellenistischer Zeit, eine Rolle. Auch die am südlichen Ortsrand von Dēr Dibwān gelegene Ḫirbet Ḥayyān (1756.1458), die ebenfalls für eine Lokalisierung von Aja in Frage kommt (Bieberstein, Klaus / Mittmann, Siegfried 1991a; Jericke, Detlef 2003a, 88f), weist keine archäologischen Reste aus vorhellenistischer Zeit auf (Callaway, Joseph A. / Nicol, Murray B. 1966a; Finkelstein, Israel / Magen, Yitzhak 1993a, 36*.183 Nr. 218). Daneben wird die These unterbreitet, Bet-Awen sei mit et-Tell gleichzusetzen, dem Platz, der gewöhnlich für Ai in Anschlag gebracht wird (Grintz, Jehoshua M. 1961a). Die Argumentation ist erkennbar biblizistisch und geht davon aus, dass ein mit Ai gleichzusetzender Platz aufgrund der Erzählung von Jos 7-8 eine städtische Anlage der Spätbronzezeit aufweisen muss, wohingegen et-Tell lediglich Reste der Frühbronzezeit und der Eisenzeit I zeigt. Der von Kallai zunächst für die Lokalisierung von Bet-Awen vorgeschlagene kleine Siedlungshügel Tell Maryam liegt am südwestlichen Rand des heutigen Ortes Muḫmās (Kallai-Kleinmann, Zecharia 1956a). Daher wären die Angaben des hebräischen Texts (westlich von Michmas) und der LXX zu 1Sam 13,5 erfüllt, wenn man letztere so versteht, dass Bet-Awen/Bet-On südlich von Michmas vorzustellen ist. Allerdings liegt Ai etwa 5 km nördlich von Tell Maryam, so dass der Platz dem Hinweis, Bet-Awen sei bei Ai (Jos 7,2), nicht entspricht. Bei einer ersten archäologischen Begehung wurden Gefäßscherben gefunden, die aus der Eisenzeit stammen sollen (Kochavi, Moshe 1972a, 182 Nr. 115). Bei späteren Untersuchungen bestätigte sich dieser Befund nicht (Mazar, Amihai u.a. 1984a, 248f; vgl. Naʾaman, Nadav 1987a, 13 mit Anm. 9). Daher schlägt Kallai jetzt vor, Bet-Awen mit Ḫirbet Tell el-ʿAskar gleichzusetzen (Kallai, Zecharia 1991a = Kallai, Zecharia 2010a, 26‒45). Der Platz liegt etwa 1 km nordnordöstlich von Muḫmās, demnach auch relativ weit von Ai entfernt. Immerhin zeigt Ḫirbet Tell el-ʿAskar einen eisenzeitlichen Befund (Kochavi, Moshe 1972a, 180 Nr. 105) und wird von daher gern für die Lokalisierung von Migron vorgeschlagen (Schmitt, Götz 1980a, 56‒67; Kellermann, Mechthild u.a. 1985a; Kellermann, Diether u.a. 1992a), da dieser Ort ebenfalls in der Gegend von Michmas liegen soll (1Sam 14,2; Jes 10,28). Die ebenfalls für eine Gleichsetzung mit Bet-Awen erwogene Ḫirbet el-Ḥudrīja liegt knapp 5 km nordnordöstlich von Muḫmās und etwa 2,5 km östlich von Ai/et-Tell und erfüllt somit die Vorgaben von Jos 7,2 und teilweise auch diejenigen der LXX-Überlieferung zu 1Sam 13,5 (Schmitt, Götz 1980a). Der Vorschlag wird mit dem Hinweis untermauert, dass der Platz am Übergang vom Kulturland zur Wüste liegt und daher der Ausdruck „Wüste von Bet-Awen“ (Jos 18,12) sinnvoll erscheint (Koenen, Klaus, Art. Bet-Awen, WiBiLex 2007, 2.2.). Der hebräische Ausdruck hammidbār muss jedoch nicht zwangsläufig ein Wüstengebiet im engeren Sinn meinen, sondern kann in einzelnen Fällen auch das Umland eines Orts bezeichnen, der nicht in oder am Rand der Wüste liegt, so z.B. in der Wendung midbar gibʿôn „Wüste von Gibeon“ (1Sam 2,24). Daher übersetzt die EÜ midbar bêt ʾāwæn (Jos 18,12) mit „Weidegebiet von Bet-Awen“. Darüber hinaus wurden auf Ḫirbet el-Ḥudrīja bislang lediglich Besiedlungsspuren der hellenistischen Zeit und späterer Epochen entdeckt, darunter ein Kirchenbau aus byzantinischer Zeit (Finkelstein, Israel / Magen, Yitzhak 1993a, Nr. 98). Insofern fehlen archäologische Befunde, die eindeutig in die alttestamentliche Zeit weisen. Da kein überzeugender Lokalisierungsvorschlag für Bet-Awen/Bet-On vorliegt und sowohl die Textüberlieferung als auch die literarisch-topographischen Erwägungen auf einen engen Zusammenhang mit Bet-El weisen, scheint die Annahme erwägenswert, Bet-Awen sei ein weiterer Name für Bet-El. In der älteren Forschungsliteratur wird diese These allerdings durch die Vermutung belastet, im Fall von Bet-El sei zwischen dem Ort selbst und einem außerhalb des Orts gelegenen Heiligtum zu unterscheiden. In vor- und frühköniglicher Zeit habe das Heiligtum Bet-El, der Ort jedoch Lus geheißen. Lediglich Lus wird mit dem heutigen Ort Bētīn gleichgesetzt, während Bet-El, und damit implizit auch Bet-Awen, auf der am östlichen Ortsrand von Bētīn gelegenen Burǧ Bētīn lokalisiert wird. Erst im Lauf der Königszeit sei der Name des Heiligtums auf den Ort übertragen worden (u.a. Noth, Martin 1935a = Noth, Martin 1971a, 210‒228; Schunck, Klaus-Dietrich 1963a, 155; Seebass, Horst 1984a; Blenkinsopp, Joseph 2003a, 93f; zu weiteren Vertretern der These vgl. Jericke, Detlef 2008b, 179). Eine Variante bietet die Vermutung, der Ort habe Bet-El, das Heiligtum jedoch Bet-Awen bzw. ursprünglich Bet-Aben („Haus des Steins“) nach dem von Jakob aufgerichteten Steinmal (Gen 28,18; Gen 28,22) geheißen (Naʾaman, Nadav 1987a). Die These einer lokalen Trennung von Ort und Heiligtum scheitert zunächst daran, dass Burǧ Bētīn keine vorrömischen Reste aufweist (Schneider, Alfons Maria 1934a). Darüber hinaus sind Bet-El und Lus nicht als unterschiedliche Orte, sondern als zwei symbolhaltige Namen desselben Platzes zu interpretieren (Jericke, Detlef 2008b). Neuere Forschungspositionen gehen davon aus, dass die Verwendung des Spottnamens Bet-Awen für bzw. neben Bet-El im Josuabuch und in 1Sam 13-14 auf schriftgelehrter Spekulation beruht. Dabei sei den Tradenten der alttestamentlichen Überlieferungen nicht mehr bewusst gewesen, dass Bet-Awen dem Ursprung nach ein anderer Name für Bet-El war. Infolgedessen behandelten sie das Toponym Bet-Awen im Josuabuch und in 1Sam 13-14 wie einen eigenständigen Ort (Köhlmoos, Melanie 2006a, 22; Knauf, Ernst Axel 2008a, 150). Angesichts der zu Jos 7,2 und 1Sam 13-14 ausgeführten literarisch-topographischen Überlegungen ist jedoch davon auszugehen, dass der Name Bet-Awen gezielt eingesetzt wurde, um Erzählzüge wie den von Jhwh beschlossenen Untergang Ais (Jos 7-8) oder den ungünstigen Ausgang der Kämpfe für die Philister (1Sam 13f) zu hervorzuheben. Somit ist Bet-Awen neben Bet-El und Lus als ein dritter Name für den gleichen Ort zu verstehen. Dieser dritte Name war zeitgenössisch vermutlich nicht gebräuchlich, sondern wurde lediglich gezielt literarisch eingesetzt. Im Alten Testament sind Fälle belegt, in denen für einen Ort mehrere Namen belegt sind. Meist handelt es sich lediglich um zwei Namen wie etwa Hebron und Kirjat-Arba, Debir und Kirjat-Sefer, oder Jerusalem und Jebus (Gaß, Erasmus 2005a, 11‒30; Jericke, Detlef 2013a, 155f). Bemerkenswerteweise sind für den Ort Dan alternativ Lajisch (Ri 18,29) und Leschem (Jos 19,47) als vermeintlich alte Namen angegeben (Gaß, Erasmus 2005a, 389‒397; Jericke, Detlef 2013a, 133‒135). Dan ist erzählerisch mit Bet-El verknüpft, da beide Orte von König Jerobeam vorgeblich mit einem Stierbild versehen wurden (1Kön 12). Die beiden dem strengen Jahwismus als fragwürdig geltenden Plätze luden offenbar zu weiteren Namenbildungen ein. Zudem zeigt die häufige Erwähnung Bet-Els die überdurchschnittliche Bedeutung des Toponyms sowohl für die geschichtlichen Überlieferungen als auch für die prophetischen Traditionen des Alten Testaments (Jericke, Detlef 2013a, 95‒97). Insofern ist die Annahme, dass für Bet-El noch die Namen Lus und Bet-Awen zumindest literarisch in Umlauf waren, nicht von der Hand zu weisen, zumal alle drei Bezeichnungen in hohem Maße symbolhaltig sind und sich von daher für implizite Wertungen erzählter Ereignisse anbieten.
[Detlef Jericke, 2018]
 

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 18:52:49

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BHH 1 (1962), 177 (Elliger, Karl, Art. Baalbek); 1 (1962), 227 (Hentschke, Richard, Art. Beth-Aven)
  • NBL 1 (1991), 281 (Görg, Manfred, Art. Bet-Awen)
  • ABD 1 (1992), 682 (Arnold, Patrick M., Art. Beth-Aven)
  • RGG4 1 (1998), 1375f (Knauf, Ernst Axel, Art. Bethel)
  • WiBiLex 2007 (Koenen, Klaus, Art. Bet-Awen); 2010 (Koenen, Klaus, Art Bethel [Ort], 1.2.)
  • EBR 3 (2011), 959f (Noort, Ed, Art. Beth-Aven)

 

Literatur

Sellin, Ernst 1899aSellin, Ernst 1900aAlbright, William Foxwell 1924a , 141‒149 ;  Noth, Martin 1935aAbel, Félix-Marie 1938a , 268 ;  Noth, Martin 1953a , 38.106 ;  Kallai-Kleinmann, Zecharia 1956aSimons, Jan 1959a , 270.316.462 §§ 466.675.677.1459 ;  Grintz, Jehoshua M. 1961aSchunck, Klaus-Dietrich 1963a , 150.155 ;  Noth, Martin 1971a , 210‒228 ;  Stoebe, Hans Joachim 1973a , 244 ;  Schmitt, Götz 1980aSeebass, Horst 1984aKnauf, Ernst Axel 1984bKallai, Zecharia 1986a , 128f ;  Na’aman, Nadav 1987aKallai, Zecharia 1991aFritz, Volkmar 1994a , 77.182f ;  Pfeiffer, Henrik 1999a , 67 ;  Koenen, Klaus 2003a , 14‒20 ;  Gomes, Jules Francis 2006a , 160f ;  Köhlmoos, Melanie 2006a , 121‒152 ;  Knauf, Ernst Axel 2008a , 77.150 ;  Kallai, Zecharia 2010a , 26‒45 ;  Rösel, Hartmut N. 2011a , 111f.270 ;  Ballhorn, Egbert 2011a , 197 ;  Dietrich, Walter 2015a , 26f.42 ;  Dozeman, Thomas B. 2015a , 344 ;  McKinny, Charles Christopher 2016a , 72-75 ;