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Kasluhiter

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Casluhim

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

כסלחים kasluḥîm. Χασλωνιειμ

Belege AT

Gen 10,14; 1Chr 1,12

Belege aus altorientalischen Dokumenten

Belege aus nachalttestamentlicher Zeit

Χεσλοιμος (Josephus, antiquitates 1,137)
kslwḥ’j (Targum Onkelos und Neofiti zu Gen 10,14: Sperber, Alexander 1959a, 14; Díez Macho, Alejandro 1968a, 54f; Díez Macho, Alejandro 1988a, 64)
pnṭpwljtj (Targum Pseudo-Jonatan zu Gen 10,14: Díez Macho, Alejandro 1988a, 65)

Beschreibung

Die Kasluhiter werden im Alten Testament lediglich in den Genealogien der Noach-Söhne als Nachkommen Mizrajims (Ägyptens) und damit als Teil der Abkömmlinge Hams erwähnt. Von daher kann allenfalls nach dem gedachten Territorium der vermeintlichen Kasluhiter gefragt werden. Obgleich die Auslegenden mehrheitlich zugestehen, dass dazu nichts Substantielles gesagt werden kann, fehlt es nicht an Versuchen, die Kasluhiter doch irgendwo in der ostmediterranen bzw. vorderorientalischen Welt zu verorten. Ein erster Anhaltspunkt ist ihre Verwandtschaft mit Mizrajim (Ägypten), welche die Genealogien konstruieren. Insofern könnte das Siedlungsgebiet der Kasluhiter im nordostafrikanischen Raum gesucht werden. Einen weiteren Hinweis liefert die in Gen 10,14 und 1Chr 1,12 jeweils wortgleich an die Aufzählung der Kasluhiter angefügte glossenartige Erklärung, dass von ihnen die Philister abstammen. Daher wird die Frage nach den Kasluhitern oft mit derjenigen nach den Ursprüngen der Philister verknüpft. Diese sind im Alten Testament sowie in ägyptischen und keilschriftlichen Urkunden häufig erwähnt und daher als historische Größe gesichert. Ihr Kerngebiet mit den Orten Gaza, Aschkelon, Aschdod, Gat und Ekron lag im Südwesten Palästinas (s. Philisterland). Möglicherweise erklärt sich daher die Wendung pnṭpwljtj („Pentapoliter“, d.h. Bewohner eines Fünfstädteverbands), mit der Targum Pseudo-Jonatan das hebräische Wort kasluḥîm wiedergibt. Auf diese Weise werden die Traditionen von den Kasluhitern als Vorfahren der Philister und von den fünf Städten der Philister begrifflich verbunden. Texte der Profetenbücher geben Kaftor (Kreta) als Herkunft der Philister an (Jer 47,4; Am 9,7). Daher wäre in den Genealogien eher eine literarische Verbindung zwischen den Philistern und den jeweils am Ende von Gen 10,14 und 1Chr 1,12 genannten Kaftoritern zu erwarten. Manche Auslegende nehmen folglich einen Schreiberirrtum an, durch den die erklärende Glosse zu den Philistern versehentlich nach den Kasluhitern und nicht nach den Kaftoritern zu stehen kam (Lipiński, Edward 1992a, 154; ABD 1, 877f). Eine These zur Lokalisierung der Kasluhiter geht auf die Geographica sacra des Samuel Bochart aus dem 17. Jahrhundert zurück. Sie besagt, dass die Kasluhiter mit den Kolchern, den Bewohnern der Kolchis, einer Landschaft zwischen dem Kaukasus und dem östlichen Ende des Schwarzen Meers (Waldmann, Helmut 1983a; Waldmann, Helmut 1985a; Wagner, Jörg 1983a; Pill-Rademacher, Irene u.a. 1988a), identisch sind (Lipiński, Edward 1992a, 152‒154). Diese sind in urartäischen Keilschrifturkunden des 8. Jh.s v.Chr. als qūlḫa bzw. kulḫa erwähnt (Diakonoff, Igor M. / Kashkai, S. M. 1981a, 68f). Herodot (5. Jh. v.Chr.) schreibt in seiner legendenhaften Erzählung der Feldzüge des Pharao Sesostris III. (19. Jh. v.Chr.), die Kolcher (Κολχοι) stammten von Ägyptern ab, die der Pharao angesiedelt habe (Herodot 2,103‒105). Damit wäre der nach Gen 10,14 und 1Chr 1,12 zu erwartende Zusammenhang mit Ägypten zumindest literarisch gegeben. Notfalls ließe sich die Gleichsetzung der Kasluhiter mit den Kolchern auch mit einer These verbinden, welche Kaftor als das im Alten Testament genannte Herkunftsland der Philister nicht mit Kreta, sondern mit Kappadokien, einer antiken Landschaft in Zentralanatolien identifiziert (Wainwright, Gerald A. 1956a). Kasluhiter und Philister wären somit in Kleinasien bzw. an dessen Rand untergebracht. Allerdings sind die philologischen Linien, die Lipiński zwischen den biblischen Kasluhitern und den keilschriftlich erwähnten qūlḫa/kulḫa bzw. den Κολχοι des Herodot zieht, kaum nachvollziehbar. Andere Vorschläge suchen das Territorium der Kasluhiter daher in unmittelbarer Nähe zum ägyptischen Kernland. Eine These geht dahin, in den Kasluhitern die Bewohner Unterägyptens bzw. des Nildeltas zu sehen, da eine solche Lokalisierung zu den im Text zuvor genannten Naftuhitern (Bewohner der Gegend um Memfis ?; Gen 10,13) und den Patrositern (Bewohner von Patros/Oberägypten; Gen 10,14) passe. Auf diese Weise seien alle Regionen Ägyptens unter den Nachkommen Mizrajims vertreten (Rendsburg, Gary A. 1987a, 91f). Andere sehen in den Kasluhitern die Bewohner Libyens (Speiser, Ephraim Avigdor 1964a, 68f), die allerdings auch zur Identifizierung der Luditer (Lud) und der Lehabiter aus Gen 10,13 bzw. 1Chr 1,11 angeführt werden. Etwas konkreter ist Görg, der in den Kasluhitern die Bewohner der westlich des Nils in der „Westwüste“ („libyschen Wüste“) gelegenen Oasen erkennen will (Görg, Manfred 2000a, 36‒43). Zur Begründung verbindet er den hebräischen Ausdruck kasluḥîm mit einer von ihm konstruierten ägyptischen Wendung gs n wḥ3t „Oasenland“. Zudem verweist er auf die LXX-Variante Χασμωνιειμ (LXXA zu Gen 10,14), die er begrifflich mit ägyptisch ḥsmn (Natron) und topographisch mit dem Wādī Naṭrūn am südwestlichen Rand des Nildeltas (s. Anamiter) in Zusammenhang bringt. Allerdings folgert er zwangsläufig, dass somit auch die Philister aus dem Wüstengebiet westlich des Niltals stammen müssen. Für eine solche Annahme gibt es jedoch keine Belege. Somit fehlt weiterhin eine nachvollzeihbar begründete Lokalisierung der Kasluhiter.
[Detlef Jericke, 2017]

 

Autor: Detlef Jericke; letzte Änderung: 2019-05-11 19:04:32

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • ABD 1 (1992), 877f (Hess, Richard S., Art. Casluhim)
  • EBR 4 (2012), 1024 (Pioske, Daniel D., Art. Casluhim)

 

Literatur

Müller, Wilhelm Max 1902a , 471 ;  Skinner, John 1951a , 213 ;  Simons, Jan 1959a , 18.26f §§ 49.69 ;  Speiser, Ephraim Avigdor 1964a , 68f ;  Westermann, Claus 1974a , 693 ;  Rendsburg, Gary A. 1987a , 91f ;  Lipiński, Edward 1992a , 152‒154 ;  Görg, Manfred 2000a , 36‒43 ;  Lipiński, Edward 2018a , 34f ;